Kristjana Schultchen, IdS-Programmleitung in Hamburg, erklärt, wie nachhaltige Integration im Sport gelingt, welche Herausforderungen Vereine meistern müssen - und warum strukturelle Unterstützung unverzichtbar ist.

Feature, HaendeHamburg, 15.04.2019, Handball, 2. Bundesliga, Handball Sport Verein Hamburg - Wilhelmshavener HV 30:23

Der DOSB gibt mit seiner IdS-Interviewreihe den Menschen eine Stimme, die „Integration durch Sport“ täglich mit Leben füllen - und zeigen, warum das Bundesprogramm für den organisierten Sport und unsere Gesellschaft unverzichtbar ist. Hier kommt Kristjana Schultchen, Programmleitung für das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ im Hamburger Sportbund, zu Wort.

DOSB: Welche Rolle haben die Programmleitungen im Bundesprogramm „Integration durch Sport“?
Kristjana Schultchen: Die Programmleitungen sind das verbindende Element zwischen der bundesweiten Strategie des Programms und der konkreten Umsetzung in den Bundesländern. Unsere Aufgabe ist es, die strategische Ausrichtung zu sichern, Entwicklungen zu steuern und Integrationsarbeit im Breitensport langfristig strukturell zu verankern. Wir schaffen dafür passende Rahmenbedingungen, analysieren Bedarfe, entwickeln Förderlogiken weiter und bauen strategische Kooperationen auf.

Gleichzeitig vertreten wir das Programm gegenüber Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Partner*innen und machen sichtbar, welchen Beitrag der organisierte Sport für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gleichberechtigte Teilhabe leistet.

Was sind die zentralen Schwerpunkte deiner Arbeit?
In meiner Arbeit geht es darum, den organisierten Sport in Hamburg dabei zu unterstützen, mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten und Teilhabe für möglichst viele Menschen zu ermöglichen. Ein Schwerpunkt liegt aktuell darauf, die Rolle und Leistungen von IdS in Hamburg klar zu positionieren. In einem Umfeld, das von sozialen Ungleichheiten, migrationspolitischen Debatten und zunehmender Polarisierung geprägt ist, ist es wichtig, den konkreten Beitrag des Sports zu Teilhabe, Zusammenhalt und demokratischer Kultur deutlich zu machen. Integration kann nur nachhaltig wirken, wenn die realen Herausforderungen der Vereine berücksichtigt werden. Viele stehen unter Druck - durch begrenzte Ressourcen, veränderte Ehrenamtsstrukturen und steigende soziale Anforderungen. Programmarbeit muss deshalb so gestaltet sein, dass sie für Vereine anschlussfähig bleibt und sie strukturell stärkt. Ziel ist es, Integration nicht nur über einzelne Angebote umzusetzen, sondern dauerhaft in Vereinsstrukturen zu verankern.

Gibt es regionale Unterschiede, wie „Integration durch Sport“ umgesetzt wird und falls ja, welche?
Ja. Das Programm verfolgt gemeinsame Ziele, ist aber bewusst so angelegt, dass es an unterschiedliche Realitäten angepasst werden kann. Hamburg ist stark sozialräumlich geprägt. Einkommensarmut und eingeschränkte Teilhabe konzentrieren sich auf bestimmte Quartiere - das zeigt sich auch im Sport.

Vereine in benachteiligten Stadtteilen stehen häufiger unter Druck, etwa durch Überlastung im Ehrenamt oder fehlende Ressourcen. Gleichzeitig haben sie eine besonders wichtige stabilisierende Funktion für Begegnung und Engagement. Unsere Programmarbeit setzt deshalb gezielt dort an, wo Unterstützung benötigt wird. Diese lokale Anpassungsfähigkeit ist eine zentrale Stärke des Programms.

Was macht die Zusammenarbeit mit Vereinen und Partner*innen besonders?
Besonders ist die Langfristigkeit. Wir begleiten Vereine oft über mehrere Jahre hinweg, wodurch Vertrauen und stabile Beziehungen entstehen. Integration gelingt zudem selten allein über den Verein, sondern im Zusammenspiel mit Schulen, Behörden, Beratungsstellen oder migrantischen Organisationen. Unsere Rolle ist es, solche Kooperationen anzustoßen und tragfähig zu machen. So kann Integrationsarbeit praxisnah und dauerhaft entwickelt werden.

Welche Wirkungen siehst du in deinem Bundesland ganz konkret?
In Hamburg sehen wir Wirkung auf mehreren Ebenen: Vereine erreichen über das Programm Menschen, die sonst schwer Zugang zu Vereinsstrukturen finden. Viele bleiben langfristig aktiv und übernehmen Verantwortung. Menschen mit Migrationsgeschichte engagieren sich zunehmend als Übungsleitungen oder in Gremien. Das verändert Perspektiven und stärkt Vielfalt in den Strukturen. Vereine werden sicherer im Umgang mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Konflikten. Integrationsarbeit wird weniger als Zusatzaufgabe verstanden, sondern als Bestandteil regulärer Vereinsentwicklung. Auch im Sozialraum wirkt das Programm: Vereine werden als verlässliche Partner wahrgenommen, und Sport wird sichtbar als Ort gelebten gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Welche Hürden, welche Schwierigkeiten gibt es bei euch vor allem?
Die größten Herausforderungen entstehen aus dem Spannungsfeld zwischen steigenden Erwartungen an den Sport und begrenzten Ressourcen in den Vereinen. Sportvereine sollen Integration fördern und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, arbeiten aber überwiegend ehrenamtlich. Zudem wirken gesellschaftliche Entwicklungen wie Polarisierung oder Diskriminierung stärker in Vereinsstrukturen hinein. Viele Engagierte wünschen sich hier mehr Sicherheit im Umgang mit Konflikten und Haltung.

Warum ist die aktuelle Förderstruktur so entscheidend für eure Arbeit?
Die Förderstruktur ist zentral, weil Sportvereine Menschen quer durch alle sozialen Gruppen erreichen und alltägliche Begegnung ermöglichen. Dieses Potenzial entfaltet sich jedoch nicht von selbst. Vereine arbeiten überwiegend ehrenamtlich und können gesellschaftliche Aufgaben nur dann verlässlich übernehmen, wenn sie kontinuierlich unterstützt werden. Integration ist ein langfristiger Prozess, der strukturelle Verankerung braucht.

Die Stärke der bestehenden Struktur liegt in der Verbindung aus bundesweitem Rahmen und tiefer Verankerung über die Landessportbünde. So entsteht ein tragfähiges System, das Vereine in der Breite erreicht.

Was würde eine Kürzung der Mittel konkret bedeuten?
Eine Kürzung würde besonders dort spürbar werden, wo Unterstützung am dringendsten gebraucht wird - bei Vereinen in sozial belasteten Quartieren. Integrationsarbeit lebt von Vertrauen, Beziehungen und Langfristigkeit. Werden gewachsene Strukturen unterbrochen, gehen Stabilität und Engagement verloren. Betroffen wären daher nicht nur einzelne Maßnahmen, sondern die Funktionsfähigkeit eines über Jahre aufgebauten Systems

Was braucht das Programm, um auch künftig wirksam zu bleiben?
Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen, damit Vereine langfristig planen und Veränderungsprozesse gestalten können. Gleichzeitig braucht es Raum für Weiterentwicklung, um auf soziale Ungleichheiten, neue Formen von Zuwanderung und veränderte Engagementstrukturen reagieren zu können. Und es braucht politische Anerkennung, dass Integrationsarbeit im Sport ein dauerhaftes gesellschaftliches Anliegen ist.

Was motiviert dich ganz persönlich, in diesem Programm zu arbeiten?
Mich motiviert die Überzeugung, dass chancengerechte Teilhabe aktiv gestaltet werden muss - auch im Sport. Wenn Vereine sich öffnen, neue Menschen Verantwortung übernehmen und Beteiligung selbstverständlicher wird, zeigt sich konkrete Wirkung. Diese Verbindung aus struktureller Veränderung und praktischer Wirkung vor Ort treibt mich an.

Quelle: DOSB