Integration gehört ins Herz, nicht in den Kopf

Beim Kompaktseminar „Fit für die Vielfalt – Interkulturelle Kompetenz im Sport“ muss jeder mal in fremde Rollen schlüpfen.

Wie schön wäre es, jetzt einen weiteren Schritt vorzugehen. Bis ganz nach vorn. Wie gut sich das anfühlt, die anderen hinter sich zu lassen, an erster Stelle zu stehen. Ein Blick zurück verschafft Gewissheit, dass andere Probanden noch gar nicht vom Fleck gekommen sind. Dann die nächste Frage der Trainerin Nesrin Doghan Yaman: „Könntest du in deiner Rolle zum Vereinsvorsitzenden werden?“ Kurzes Überlegen.

Geht das – in dieser Rolle? Als 18 Jahre alter marokkanischer Hilfsarbeiter mit Hauptschulabschluss?

Die anderen 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verkörpern andere Charaktere, manche überlegen und bleiben stehen, andere schreiten sofort voran, dritte sind zögerlich. Ist es vorstellbar, als gerade Volljähriger fremdländischen Aussehens einen deutschen Sportverein im Vorstand anzuführen? Eher nicht. Also stehenbleiben, auch wenn es sich schlecht anfühlt.

Drei Stunden Seminararbeit gehen schnell vorbei, wenn man spannende und nachdenklich stimmende Rollenspiele einstreut wie jenes Gruppenexperiment, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Existenzen zugewiesen bekommen. Überraschend, wie schnell alle in ihre Rollen schlüpfen und beim Vorangehen oder Stehenbleiben berichten, was sie dazu bewogen hat. Kann ein Hindu a) nach dem Training duschen und b) an einem typisch deutschen Grillabend teilnehmen? Isst ein Inder eine Thüringer Bratwurst? Ist das wichtig? Oder kann man das Grillbuffet so variabel bestücken, dass jeder satt wird – und zwar gemäß seines Glaubens und seiner Ernährungsgewohnheiten? Wenn die alleinerziehende Mutter aus Eritrea nach der Flucht in Deutschland Sport treiben will, kann sie das, ohne Geld? Kann sie. Wenn Vereine auf Beiträge verzichten – oder wenn der wohlhabende Anwalt und Vater dreier Kinder aus eben diesem Klub ihr eine Mitgliedschaft spendet.

18 Frauen und Männer aus Hamburger Vereinen haben das Kompaktseminar an diesem Dienstagabend im Haus des Sports gebucht. Drei thematisch dicht gedrängte Stunden liegen vor ihnen. Die Motive, mal aus der eigenen Rolle zu schlüpfen, sind vielfältig. Einige sind aus reinem Interesse gekommen, andere, weil sie Übungsleiter in gemischten Gruppen sind und sich Anregungen erhoffen, wie sie mit Fremdartigkeit umgehen können.

Ist es überhaupt möglich, in so kurzer Zeit in so ein komplexes Thema einzuführen? „Das muss unser Ziel sein“, sagt Sina Hätti, „und in Ansätzen können wir natürlich vermitteln, worum es geht. Aber das Seminar ist zu kurz, um das Thema ausgiebig zu beleuchten. Grundsätzlich gilt für diese Seminare: je länger desto besser. Es braucht Zeit, bis die Gruppe sich findet. Je länger die Gruppe gemeinsam gearbeitet hat, umso offener und vertrauter werden die Gespräche.“ Auch deswegen bietet der HSB die „Fit für die Vielfalt“-Seminare in drei Varianten an. Als kompakte Einheit, wie an diesem Abend. Als Tagesseminar an einem Tag am Wochenende im Juni, oder als Intensiv-Fortbildung über zwei Tage im November.

Am Anfang wird – getanzt. Oder doch nicht? Auf jeden Fall ist der Einstieg in den Abend ungewohnt. Und auch irritierend. Ein paar Aufwärmspiele folgen. Scheu verlieren, Nähe zulassen. Danach geht es um Auslandserfahrung – wer (gefühlt) schon oft und lang fern von Deutschland war, steht am Anfang der Skala. Die anderen dahinter. Aber: Was heißt oft? Ist der jährliche Dänemarkurlaub ein richtiger Auslandsaufenthalt? Es wird viel diskutiert, angeregt diskutiert. Den ganzen Abend. Wie in jeder Fortbildung sind unterschiedliche Charaktere dabei. Da ist der Spaßvogel. Der Engagierte, der auch mal provoziert. Die Mütterliche, die Verständnis für vieles hat. Aber nicht für alles. Und dann gibt es viele, die einfach nur zuhören.

Jeder bekommt den Raum, den er oder sie braucht. Manches kommt tief aus der eigenen Erfahrung und hat deshalb Wirkung: „Ich weiß nicht, ob es so viel anders ist mit Kindern mit Migrationshintergrund zu sprechen oder mit welchen ohne.  Ich versuche einfach deutlich zu sprechen und viel nonverbal zu machen“, sagt eine jüngere Frau. „Fehlendes Geld ist oft eine Ausrede“, sagt eine andere Teilnehmerin, Marke erfahrene Ehrenamtlerin, „wer irgendwo Sport machen will, findet den passenden Verein – auch ohne Geld.“ Ein jüngerer, energischer Mann sagt: „Mich nervt es, wenn wir Vereine als Inseln der Glückseligkeit hinstellen. Im Verein trage ich die Integrationsmaske, aber im Edeka-Markt kenne ich den Ausländer nicht mehr, oder was? Integration gehört ins Herz, nicht nur in den Kopf.“

Die Gruppe hat sich gefunden. Das wird bei der gemeinsamen Arbeit am Ende deutlich. Die Trainerinnen Sina Hätti und Nesrin Doghan Yaman haben drei Parteien eingeteilt; diese haben 15 Minuten Zeit, eine Aufgabe zu lösen. Die Beispiele: Unpünktlichkeit der Teilnehmer im Training zur Unzufriedenheit des Coaches. Ein Vater will entgegen der Ansage des Trainers nicht aus der Halle gehen, in der seine Tochter trainiert. Ein Trainer macht sich (zu) viele Gedanken um ein Mädchen mit Migrationshintergrund. Viele der Teilnehmer sind anscheinend schon Integrationsprofis in ihren Vereinen oder können die Probleme aus ihrer Alltagsanschauung lösen.

Bei der Vorstellung der Ergebnisse am Ende wird eifrig notiert, und der Einfall aus Beispiel zwei, man könne den besorgten Vater als Ko-Trainer einbinden, findet die ausdrückliche Zustimmung der beiden Trainerinnen. Wer solche Lösungen findet und im Verein umsetzt, ist schon ziemlich „Fit für die Vielfalt“.

Autor: Frank Heike

 

 

 

 

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15.05.2017 - 12:37
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