Crashkurs im Fremdsein

Ann-Christin Schwenke und Jan-Daniel Schorsch haben 2016 am Seminar „Fit für die Vielfalt“ teilgenommen. Mit etwas Abstand erzählen beide, welche Erfahrungen sie seitdem gemacht haben – und ob sie das „Gelernte“ anbringen konnten.

Am Ende eines munteren Austausches findet Jan-Daniel Schorsch die passende Überschrift für das Seminar: „Es ist ein Crashkurs im Fremdsein.“ Gerade, weil viele Übungen ohne Sprache vonstatten gegangen seien. Und die neben ihm sitzende Ann-Christin Schwenke nimmt einen Satz Schorschs auf, der ihr besonders gut gefallen hat: „Jan hat hervorgehoben, dass man sich nach den vielen Übungen und Gesprächen im Seminar anders wahrnimmt. Man fragt nicht nach der Herkunft. ,Man sollte sehen, dass alle Menschen sind‘, hat er gesagt. Das fand ich gut. Es wäre toll, wenn wir davon etwas in den Alltag mitnehmen könnten.“

Schwenke und Schorsch haben 2016 am HSB-Seminar „Fit für die Vielfalt – Interkulturelle Kompetenz im Sport“ teilgenommen. Sie hat das Kompaktseminar über drei Stunden im März 2016 absolviert, er die längere Version über einen Tag im Juni. Seminarleiterin war jeweils Meike Woller. Die gutbesuchten Seminare sollen Vereinsvertretern Anregungen für die Integrationsarbeit liefern und ihre Kompetenzen im interkulturellen Zusammenleben ergänzen.

Fragt man bei Jan-Daniel Schorsch und Ann-Christin Schwenke nach, gab es jede Menge nützlicher Anregungen. Wobei jeder Teilnehmer natürlich mit einer anderen Motivation in die Fortbildung geht. Was nimmt man mit? Nimmt man überhaupt etwas mit? Schorsch sagt: „Man bekommt dort nicht das Patentrezept dafür, wie man beispielsweise mit einem 14 Jahre alten, hyperaktiven afghanischen Flüchtling umgehen sollte. Niemand kann allgemeingültig sagen, wie man mit Flüchtlingen umgehen sollte. Es gibt keine einfache Lösung außer vielleicht, dass man es als Übungsleiter in einer solchen Situation immer mit Empathie und Sympathie versuchen sollte. Und, dass man sich selbst in solchen Situationen herunterfährt und seine Erwartungen reduziert.“

Es klingt nach, was Jan-Daniel Schorsch sagt – und es atmet Expertise. Denn der 35 Jahre alte Dolmetscher und Übersetzer verbringt viel Zeit im Senegal. Dort hat er schon als Kind gelebt. Seine Mutter hat damals einen Senegalesen geheiratet. „Viele Europäer sind an der Mentalität dort verzweifelt, was etwa Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit angeht“, sagt er. „Mir ist es anders ergangen. Ich bin damit aufgewachsen. Ich habe dort deren Mentalität und hier unsere.“

Der deutsch-afrikanische Blick hilft ihm, manches im hektischen Hamburger  Alltag gelassener zu sehen. „Wir sollten uns gar nicht die Frage stellen, welcher Blickwinkel der richtige ist“, rät er, „sondern sehen, dass alle Menschen sind.“ Ann-Christin Schwenke sagt: „Es schafft ein anderes Verständnis, wenn wir Umgang mit anderen haben. Das merke ich an meiner eigenen Arbeit. Wir haben ein Vorstandsmitglied mit afghanischen Wurzeln, Rohit Choudhry. Wenn er mich bittet, ihm zu helfen, beim Schreiben einer Mail etwa, mache ich das gern. Bei einem deutschen Kollegen hätte ich das vielleicht anders gesehen. Auch für solche Situationen hat das Seminar den Blick geschärft.“

Schorsch arbeitet als Sportkoordinator in Harburg für den HSB an der Schnittstelle zwischen Vereinen und Sportbund, filtert etwa die besten Sportangebote für Flüchtlinge heraus. Er nutzte die Fortbildung aus Interesse.

Bei Ann-Christin Schwenke liegt das Seminar ein Jahr zurück, bei Jan-Daniel Schorsch gute neun Monate – aber wer sich mit den beiden unterhält, fühlt sich mittendrin. „Wir sind damals ganz schnell miteinander warm gewonnen“, sagt Schwenke, „das Eis war schnell gebrochen und wir haben viel gelacht.“ Vor allem die Gespräche und Diskussionen zum Thema „Was ist deutsch?“ haben die beiden noch im Ohr. „Es geht praktisch die ganze Zeit nur um einen selbst, darum, wie wir Dinge sehen und warum“, sagt Schorsch, „das ist einfach spannend.“ Schwenke meint: „Bei uns haben viele Migranten im Seminar gemerkt, wie deutsch sie schon sind, was etwas Ungeduld und Pünktlichkeit angeht. Sie haben gemerkt, wie viele deutsche Gewohnheiten sie angenommen haben, ohne es zu merken.“

Schwenke hat ihr duales Studium bei uns gemacht und sitzt nach einem ereignisreichen Praktikum beim Hamburger SV nun im Büro des SV Lurup. Geschäftsführerin ist sie dort – nicht schlecht für eine 23-Jährige! Das „Fit für die Vielfalt“-Seminar hat sie im Rahmen ihrer Übungsleiter-C-Lizenz ausprobiert. „Ich habe viele Seminare absolviert“, sagt sie, „aber dieses war besonders. Es waren viele Leute mit Migrationshintergrund dabei. Es gab Spiele und Gruppenübungen, in denen es darum ging, wie ich Leute integriere, die nicht deutsch sprechen. Oder mehr noch – wie leite ich eine Sportgruppe, die nicht deutsch spricht, sich aber auch deswegen fremd ist, weil jede Woche andere Menschen aus anderen Ländern kommen. Wir haben darüber nachgedacht, wie man Regeln erklärt, wenn Kommunikation in gewohnter Form unmöglich ist.“ Im Seminar saßen Übungsleiter, die ähnliche Fragen hatten: Wie geht man auf Fremde zu – darf man sie anfassen? Etwa Hilfestellung geben beim Turnen oder der Gymnastik? 

Ann-Christin Schwenke würde das Seminar gern wiederholen, um noch mehr Anregungen für die praktische Arbeit zu bekommen – und um noch mehr Leute kennenzulernen. Sie sagt: „Wir haben viele Anregungen nicht im Frontalunterreicht bekommen, sondern in den Pausen. Da kommt man ins Quatschen, und weil alle in den Vereinen ähnliche Probleme kennen, ergeben sich Lösungen.“ Das kommt Jan-Daniel Schorsch bekannt vor – auch er hat damals eifrig Telefonnummern getauscht.

Autor: Frank Heike

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15.05.2017 - 11:21
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