Die Brückenbauer vom Walddörfer SV

Zwölf ältere Muslima können beim Walddörfer SV seit Mai Sport treiben, wie es ihnen gefällt. Wer es ernst meint mit dem Wunsch von kultureller Vielfalt, muss seinen Blick weiten, Andersartigkeit akzeptieren.

Ob mit Kopftuch oder ohne – für Anne Freese macht das keinen Unterschied. „Ich sehe das gar nicht mehr“, sagt die 35 Jahre alte Übungsleiterin, die resolut und sympathisch gleichermaßen wirkt. Sport im geschützten Raum heißt für sie, dass sie „Stopp!“ ruft, wenn die Tür von außen aufgeht. Was äußerst selten passiert: Anklopfen erwünscht.

Zwölf Muslima zwischen 55 und 70 Jahren treiben seit Mai bei ihr Sport. Ohne Kopftuch. Freese findet ihre Gruppe prima, und die vier, die an diesem sonnigen Tag draußen stehen, und für den Fotografen den Ball hin- und herwerfen, legen ihr bestes Deutsch zusammen, ehe Azize sagt: „Anne ist eine sehr nette Frau. Sie ist toll!“ Anne Freese herzt sie dafür. Man merkt sofort, dass es passt in dieser Gruppe – und dass der Spaß nicht zu kurz kommt.

Der Walddörfer SV hat sich schon vor langem für Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete geöffnet. Immer wieder sind gute Ideen hinzugekommen. Ali Reza Hassanzadeh, der seit August als Sport- und Fitnesskaufmann seine Ausbildung beim WSV macht und vorher Praktikant war, hatte im Mai des Jahres die Idee, mal in die Taha Mahdee Moschee an der U-Bahn Wandsbek-Gartenstadt zu gehen, und dort Männer und Frauen zu fragen, ob sie nicht Sport beim Walddörfer SV treiben wollten. Muslime und mehr noch ältere Mulima sind unterrepräsentiert in der Vereinslandschaft, da macht der Walddörfer SV keine Ausnahme.

Hassanzadeh ist vor fünf Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, spricht Farsi und Dari, und er ist eng mit der Moschee verbunden. Das war die beste Voraussetzung für den Kurs „Gymnastik der Kulturen“: Die zielgerichtete Ansprache hatte sofort Erfolg – vor allem bei den Frauen. Schnell fand sich eine Gruppe Muslima, die interessiert war. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak.

Dabei war den Walddörfer-Machern klar, dass sie Verständnis für andere aufbringen müssen, in diesem Falle für die neue Gymnastikgruppe: Einen Wohlfühlraum bieten, in dem sie gern Sport treiben und erst einmal unter sich sind. In diesem Falle ist es ein schmuckloser, etwas abseits liegender Gymnastikraum mit einer Spiegelreihe – nichts besonderes. Aber vollkommen ausreichend. Nicht alle Vereinsmitglieder brauchen dieselben Rahmenbedingungen, um ihrem Sport nachzugehen. Aber wenn man es ernst meint mit dem Wunsch nach kultureller Vielfalt im Verein, muss man seinen Blick weiten, Andersartigkeit akzeptieren – und Kurse wie „Gymnastik der Kulturen“ anbieten. Letztlich schafft so etwas Zugänge für neue Mitglieder.

„Wir machen lockeres Herz-Kreislauf-Training zu entspannter chill-out-Musik“, sagt Anne Freese, „die Damen haben in der Regel keine Sporterfahrung und einige auch Übergewicht, Diabetes oder Arthrose.“ Bälle, Gewichte oder einfach nur der eigene Körper gehören zu den Übungen, die die ausgebildete Physiotherapeutin anbietet. Sie erzählt, dass „ihre“ Frauen sehr froh seien, dass ihnen der WSV die Möglichkeit gibt, diesen Kurs zu belegen. Ein Dialog hat begonnen zwischen dem, was die Frauen vom WSV erwarten, und was dieser ihnen anbieten kann.

Hassanzadeh gehört als Botschafter des Sports gemeinsam mit dem Integrationsbeauftragten Torsten Schubert zu den Treibern der kulturellen Öffnung des Vereins, der auch Stützpunktverein im Programm „Integration durch Sport“ des HSB ist. Schubert hatte extra einen Informationsabend angeboten, um über die Integrationsvorhaben zu informieren. Es habe zwar anfangs Sprüche einiger Vereinsmitglieder gegeben, als sie die Frauen mit Kopftuch auf dem Vereinsgelände sahen, sagt Schubert, nach dem Motto: „Wir hatten gehofft, verschont zu bleiben.“ Das hat sich gelegt. Anfangs seien die neuen Frauen alle gemeinsam gekommen, das habe wohl manchen gestört, erzählt Schubert. Jetzt kommt jede für sich, oder sie erreichen die Anlage zu zweit. Das Fremde hat sich für sie gelegt. Und der Verein steht zu diesem Projekt. Das Umfeld hier ist bunt, der Walddörfer SV ist es auch.

Für Rahele, Malkaraa, Azize und Marym ist der Höhepunkt der Woche vorbei. Sie hätten gern eine zweite Stunde, und Anne Freese lobt, wie ausdauernd sie geworden sind. Sie selbst hat sich nicht weitergebildet, um diesen Kurs zu leiten: „Das mache ich aus dem Bauch. Wichtig ist, dass ich alles vormache.“ Die vier Frauen leben alle schon mehr als 20 Jahre in Deutschland. Azize sagt, dass sie so viel Kontakt zu Deutschen wie jetzt noch nie gehabt habe. Was ihre Männer dazu sagen? „Meiner sagt: geh! Es ist gut für dich“, sagt Marym. Die Frauen wollten nicht, dass der Kurs kostenlos ist. Sie zahlen jetzt pro Veranstaltung. „Wenn sie Mitglieder werden, können sie alle Kurse des Vereins nutzen“, sagt Schubert, „das ist auch unser Ziel.“ Beim Walddörfer SV sollen kulturelle Unterschiede aufgebrochen werden. Aber nur langsam. Jeder soll sich mitgenommen fühlen. Auch diejenigen, die bisher skeptisch sind. Der Vorstandsvorsitzende Ulrich Lopatta sagt: „In unserem Verein ist Raum für Vielfalt und deshalb heißen wir Menschen aller Kulturen willkommen.“ Sein Verein will ihnen eine sportliche Heimat bieten und denkt auch an seine eigene Zukunft: „Wir legen den Grundstein für die nächste Generation“, sagt Schubert, der selbst auch überrascht scheint, wie gut die Integration funktioniert: „Wir haben uns auf hohe Frustrationsgrenzen eingestellt, aber das brauchten wir gar nicht.“ Inzwischen nehmen auch Frauen nichtmuslimischen Glaubens aus der Freitags-Gruppe im Richard-Remé-Haus am Mittwochs-Kurs „Gymnastik der Kulturen“ teil.

Beim Sommerfest mit etwa 30 Teilnehmern sind sich die Bestandsmitglieder und die Frauen und ihre Partner aus der „Gymnastik der Kulturen“-Gruppe im August näher gekommen. Da konnte jeder, soweit es möglich war, aus seinem Leben erzählen. Und auch zuhören, wie der Alltag in Deutschland so ist. Denn bisher gab es ja wenig Berührungspunkte. Keine Frage, es wächst etwas zusammen beim Walddörfer SV.

Text: Frank Heike