Entschärfte Barrieren

Fit für die Vielfalt – Beim VC Allermöhe spielen Migranten und Geflüchtete bunt gemischt Volleyball. Es sind Beziehungen gewachsen, die den ganzen Verein stützen.“

Die Sport-Halle des Gymnasiums Allermöhe an einem kalten Freitagabend. Drei Felder, abgetrennt mit Rollwänden, drei Arten, Volleyball zu üben: ganz links die Leistungsgruppe mit dem Verbandstrainer, in der Mitte die Mannschaft der elf- bis 13-Jährigen aus dem Punktspielbetrieb des VC Allermöhe, rechts die Spaßtruppe. Dort ruht der Ball gerade. Es wird Quatsch gemacht. Keinen stört das. Die Laune ist bestens.

Zwischen den Gruppen tummeln sich Arezoo, Zahra und Nazanin, drei Schwestern, elf, zwölf und 15 Jahre alt. Sie sind vor drei Jahren aus Kabul, Afghanistan, nach Hamburg geflohen und durch die Volleyball-AG der Schule hierher zum VC Allermöhe gekommen. Ihr Deutsch ist schon richtig gut.

Seit zwei Jahren nennt sich die Volleyballabteilung des BFSV Atlantik 97 jetzt VC Allermöhe – auch, um mehr Mitglieder anzusprechen. Lilli Kempf und Nils Pape leisten hier qualifizierte Arbeit als Trainer und auch als Mädchen (und Junge) für alles. Dass sich unter ihrer Obhut selbstbewusste Frauen entwickeln, freut die beiden manchmal mehr als ein Punkt beim Volleyball. „Bei uns in Afghanistan ist Sport nur für Männer“, sagt Zahra, „das finde ich unfair. Frauen haben auch Talent.“ Stolz erzählt sie, dass sie zum Ramadan gefastet habe – und sich hier im Verein niemand daran gestoßen habe. Vielfalt wird geschätzt.

Zohal Oriachel schmunzelt bei solchen Sätzen. Als sie in die Halle kommt, grüßen alle Mädchen. Man spürt den Respekt vor der 18 Jahre alten Abiturientin. Sie hat selbst hier Volleyball gespielt und betreut eine Mannschaft – wenn es die Zeit zulässt. In vielen Dingen sind sich Lilli Kempf und Zohail einig. Eine reine Flüchtlingsmannschaft soll es nicht geben. „Die Geflüchteten wollen keine Extra-Angebote“, sagt Zohal, „sie wollen sein wie alle anderen.“ Lilli Kempf sagt: „Wir wollen unsere Angebote deshalb öffnen und erweitern.“ Eine gewisse Strenge sei gut in der Leistungsmannschaft – wenn nachgearbeitet werden müsse bei bestimmten Techniken, dann wird das deutlich gesagt. Dass keine Jungs dabei sind, erhöht allgemein die Konzentration – vorsichtig gesagt. Es wird gemeinsam auf- und abgebaut. Verantwortung übernehmen, schon im Kleinen, das sei für alle Mädchen hier ein wichtiges Thema. Zohal kennt das. Bei einem Turnier in Fischbek war sie vor ein paar Wochen die Betreuerin einer Mannschaft von Zehn- und Elfjährigen. Ganz schön aufregend, aber auch befriedigend, sei das gewesen: „Ich habe sie motiviert, wollte sie pushen.“ Die Mädchen schauten zu ihr auf. Zohal selbst sagt: „Für mich ist Lilli ein Vorbild. Sie hat selbst einen Migrationshintergrund und hat auch Kinder. Sie versteht alles.“

Etwas anderes interessiert die beiden Frauen: Aus welchem Elternhaus kommen die Spielerinnen? Zohal sagt: „Ich finde es gut, wenn die Eltern mal vorbeikommen, sich auf die Bank setzen, zugucken. So können wir einschätzen, was es für ein Elternhaus ist. Und die Eltern sehen, was hier gemacht wird. Das nimmt ihnen die Angst, ihre Kinder hier zu lassen.“ Lilli Kempf kennt natürlich auch Eltern, die es so gut wie gar nicht nachvollziehen, wo ihre Kinder gerade sind. „Oft telefonieren wir den Eltern hinterher“, sagt sie.

Zohal spielt Volleyball, seit sie in die 5. Klasse des Gymnasiums kam. Da war sie zehn Jahre alt. Ihre Eltern kommen aus Afghanistan, sie sind sehr offen, lassen ihre Tochter machen: „Sie haben großes Vertrauen in mich.“ Zohal kennt die typischen Vorstellungen von Deutschland, die Flüchtlinge haben. „Man ist nicht gewollt, man muss alles perfekt machen, man muss sehr diszipliniert sein. Das ist das Bild von Deutschland. Viele haben sogar das Gefühl, noch mehr machen zu müssen als die Deutschen. Das ist im Hinterkopf. Auch, dass man ständig zuhause für die Schule arbeiten muss.“ Es kann also gelungene Vereinsarbeit sein, dieses Bild in Richtung Spaß, Freude, Leichtigkeit aufzuweichen.

Mit Nils Pape hatte sie eine Diskussion zum Thema Kopftuch. Zohals Mutter trägt keines. Zohal trug keines, bis sie 14 Jahre alt war. Sie sagt: „Ich habe mich dann mit Religion beschäftigt. Ich wollte die Hintergründe wissen, Ich habe mich dann entschieden, das Kopftuch zu tragen. Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht, dass ich nicht akzeptiert werde.“ So war es nicht, und dumme Sprüche hört sie zumindest in Allermöhe keine. Trainer Pape hatte sich eine Zohal ohne Kopftuch gewünscht. Die beiden lachen. Das Thema scheint soweit ausdiskutiert, ohne dass es an dieser Stelle wieder ausgebreitet werden müsste. Natürlich dürfen Mädchen und Frauen beim VC Allermöhe mit Kopftuch spielen; diese Barriere hat der Verein entschärft. Mehr sogar: es gibt einen Ehrenkodex, den jede Spielerin am Anfang des Jahres unterschreiben muss. Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Anti-Mobbing sind einige Punkte, die darin enthalten sind.

Pape plagt etwas anderes. Spätaussiedler, Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete kommen gern zum VC Allermöhe. Aber die Biodeutschen scheinen einen großen Bogen um diesen Vorzeigeverein zu machen. Pape sagt: „Sie kommen nur, wenn wir hier in der Ausbildung ein sehr hohes Niveau und den Verbandstrainer haben.“ Das kann frustrierend sein. Eine wie Zohal Oriachel, die Lilli Kempf kennt, seit sie ein kleines Mädchen war, und die sich nun im Verein engagiert, ist das motivierende Positivbeispiel.

Wohin geht der Weg für Zohal? Sie weiß es nicht. Gerade hat sie ein Pflege-Praktikum in einem Krankenhaus absolviert. Vielleicht in eine fremde Stadt ziehen? Eine schwere Entscheidung. Sie sagt: „Ich kann mich nicht vom Verein trennen. Er ist ein Teil von mir.“

Interview: Frank Heike
Foto: Frank Molter