Empathie statt Ablehnung

Gute Integrationsarbeit braucht Ausdauer. Erfahrungen aus unserem Seminar zum Thema Diversity.

Der Umgang mit Andersartigkeit erfordert Übung – und Fehlertoleranz. „Sei fehlerfreundlich zu dir selbst“, rät Trainerin Anna Cardinal in unserem Seminar „Vielfalt leben, Toleranz zeigen – Diversity im Sportverein“. Wer in einem Gespräch mit einem Migranten „etwas Dummes“ gesagt hat, solle die Verletzung des anderen anerkennen und den gemachten Fehler eingestehen. Der eigene Umgang mit Fremdartigkeit kann bei aller Schulung, Aufmerksamkeit, bei allem guten Willen frustrierend sein: Eine Kursteilnehmerin sagt: „Ich fühle mich interkulturell kompetent, aber ich mache längst nicht alles richtig. Es gibt jeden Tag irritierende Alltagssituationen, in denen mir später auffällt, dass ich mich interkulturell nicht angemessen verhalten habe. Es gibt immer wieder Denkanstöße, Dinge anders zu sehen.“ Doch die Reflexion darüber, etwas unwillentlich „falsch“ gemacht zu haben, ist schon der erste Schritt in die richtige Richtung.

Wohl alle Teilnehmer*innen, die unsere Kurse besuchten, dürften mit dem Gefühl nach Hause gegangen sein, dass der Umgang mit Vielfalt ein Lebenskonzept ist. Was hilft: „Schafft euch positive Kontakte“, empfiehlt Anna Cardinal, „bei solchen Kontakten nehmen reflexhafte Negativzuschreibungen sofort ab.“ Wer den türkischen Judotrainer oder den syrischen Platzwart kennt und mit ihm ins Gespräch kommt, hat ein anderes Bild von ihm.  Sehr oft hilft Empathie statt Ablehnung – auch für Andersdenkende.

Schon scheinbare Kleinigkeiten zeigen den Trainerinnen Sina Hätti und Anna Cardinal, dass die Teilnehmer*innen auf einem guten Weg sind. Einmal geht es um das Thema Pünktlichkeit, und eine Übungsleiterin vom SC Urania sagt: „Ich rege mich nicht mehr über Unpünktlichkeit auf, weil ich nicht genau weiß, in welchen Lebensumständen die Person steckt, die 15 Minuten später kommt. Vielleicht konnte sie gar nicht pünktlich sein, oder Pünktlichkeit hat in ihrer Lebenswirklichkeit einen geringeren Wert als in meiner.“

Rassismus, Ausgrenzung, Vorurteile, Zivilcourage, political correctness und das Privileg, zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören, waren nur einige Themen, die im Seminar theoretisch und praktisch erörtert wurden. Aber auch Erzählungen vom Umgang mit eigenen Diskriminierungserfahrungen. Gerade das Thema Vorurteile nahm breiten Raum ein. Im Seminar wurden Plakate mit je drei Schlagwörtern gezeigt: Was assoziiere ich mit den Worten „schwarz“ und „arm“? „Diebstahl“ vielleicht? Bart-gläubig-Anschlag und Schleier-verhüllt-Gewalt waren weitere Beispiele. Gegen solche Zuschreibungen hilft, Nähe zuzulassen. „Seid empathisch!“, rät Trainerin Sina Hätti, „seht Menschen als Individuen, nicht als Personen aus bestimmten kulturellen oder religiösen Räumen.“

In Diskussionen und Rollenspielen geht es immer wieder um die eigene Haltung. Auch darum, in Diskussionen am Arbeitsplatz und in der Freizeit gegenzuhalten, wenn jemand sich offen rassistisch verhält. Begegnen, respektieren, aufklären, das kann der Weg sein, auch eine hitzige Diskussion gut zu beenden. Oft hilft es, neugierig nachzufragen, wie genau denn jetzt der letzte Satz gemeint gewesen sei. Oder man wappnet sich mit faktischen Gegenbeispielen, man stellt den eigenen Wertehorizont dem anderen entgegen. Das erfordert Mut, gerade, wenn eine emotionalisierte Diskussion versachlicht werden soll. In alltäglichen Situationen kann es helfen, Verbündete zu suchen und Themen von der persönlichen auf die Sachebene zu ziehen – oder anders herum, wenn jemand sagt: „Die Geflüchteten nehmen uns alle Arbeitsplätze weg!“, zu antworten: „Tatsächlich? Kennen Sie jemanden, dem das passiert ist?“

Manchmal geht es auch darum, die eigenen Privilegien einzusetzen, um Geflüchteten auf dem Amt zu helfen, wie im Beispiel einer Frau, die mit einem syrischen Flüchtling zum Jobcenter ging und half, Probleme zu beseitigen. Man nennt das Privilegien teilen. Wobei auch das komplex und kompliziert ist – das Gefühl des Syrers, dass seine Begleitung etwas hinbekommt, was er nicht lösen konnte, dürfte unerfreulich sein. So etwas kann zu antizipierter Diskriminierung und zu folgendem Gedanken führen: „Mir wurde auf der deutschen Behörde nicht geholfen, dann bin ich bestimmt auch im deutschen Sportverein nicht willkommen.“ Deswegen arbeiten Sportvereine daran, Migranten aktiv einzuladen und ihnen zu zeigen: wir wollen genau Dich bei uns im Verein haben!

Frank Heike