Der Geist des Spiels

Ultimate Frisbee eignet sich hervorragend für Neueinsteigerinnen, finden drei Frauen vom Hamburger Klub „Fischbees“ – und machen bei der Aktionswoche zum Tag der Integration des HSB mit.

Es sieht so leicht aus. Die Plastikscheibe verlässt Inga Narjes‘ Hand und fliegt trotz beträchtlichen Windes 50 Meter über die große Stadtparkwiese.  Teamkollegin Katrin Duttlinger fängt das Frisbee, und zwar so, wie es sich gehört: in dem sie beide Hände auf die 175 Gramm schwere Scheibe presst, eine von oben, die andere von unten. „So ist es sicherer“, sagt sie.

Vieles, was leicht aussieht, ist in Wirklichkeit schwer, mühsam, lang erlernt. Das gilt natürlich auch für die Mannschaftsform des Frisbee-Werfens namens Ultimate Frisbee – die Hamburger Studentinnen Narjes und Duttlinger spielen in der deutschen U24-Nationalmannschaft. Aber beim reinen Frisbee-Werfen reicht schon eine Stunde Üben unter sachkundiger Anleitung, um die Scheibe mit der Vorhand und Rückhand halbwegs zielgerichtet zu schmeißen. Sogar kleine Spielformen gelingen dann mit Anfängern.

Das erleben die Schülerinnen Greta, Elsa und Emma, die an diesem herbstlich-windigen Freitag in den Stadtpark gekommen sind, um unter der Anleitung von Narjes und Duttlinger Ultimate Frisbee zu spielen – wobei „Anleitung“ viel zu streng klingt. Die drei Frauen aus der elften Klasse des Johanneums haben Ultimate Frisbee schon in der Schule ausprobiert. Es gibt dort einen Frisbee-begeisterten Lehrer, der Narjes, Duttlinger und das Hamburger Team der „Fischbees“ kennt, und seine Schülerinnen nun zu diesem Schnupperkurs „Ultimate für Frauen“ in den Stadtpark geschickt hat. Hamburg ist neben einigen Studentenstädten eine Ultimate-Frisbee-Hochburg.

Und Inga Narjes, Katrin Duttlinger sowie Frederike Wagener sind Frauen, die sich Gedanken über das reine Wettbewerbsspiel hinaus machen – wie sie Frauen und Mädchen für Ultimate Frisbee begeistern können, nämlich. Sie haben den bundesweiten „Tag der Integration“ Ende September genutzt, sind an zwei Nachmittagen in den Stadtpark gefahren, haben die Räder abgelegt, Frisbee-Scheiben mitgebracht und einfach gewartet, wer kommt. Natürlich haben sie für ihren Schnupperkurs geworben; an der Universität etwa, auch über soziale Medien.

Ultimate Frisbee ist ein Sport, der ohne Schiedsrichter auskommt. Selbst auf höchstem Niveau. Es spielen zwei Teams aus je sieben Spielern auf einem 100 mal 37 Meter großen Feld gegeneinander, dabei muss die Scheibe dem American Football gleich in eine Endzone geworfen und dort gefangen werden. So erzielt man Punkte. Weltweit führend sind Teams aus Kanada und den USA, aber die Deutschen holen auf – vor allem bei den Frauen. Es gibt traditionell auch Mixed-Wettbewerbe.

Unklarheiten auf dem Feld müssen die Spielerinnen selbst regeln; der „Spirit of the game“ ist ein zentraler Teil des Ultimate Frisbee. Reden, Handeln, Lösen, das ist genauso wichtig wie ein gezielter Wurf oder gekonntes Fangen. Inga Narjes sagt: „Ultimate Frisbee ist wesentlich mehr als die sportliche Betätigung. Es geht um ein Miteinander, das Lernen, hinter seiner eigenen Meinung zu stehen, einen wertschätzenden Umgang, Respekt vor den Mit- und Gegenspielern zu haben und vor allem um Vertrauen – in sich selbst und in andere.“

Inga Narjes ist 24 Jahre alt, sie ist vor sechs Jahren über den Handball zum Frisbee gekommen, studiert an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Maschinenbau. Die große, rothaarige Frau mit der Nummer 95 auf dem Nationalmannschafts-Trikot kommt aus Schleswig-Holstein. Gerade hat sie einen Frisbee-Kurs an einer Schule im Hamburger Stadtteil Lohbrügge gegeben. Dazu brauchte sie schon einiges an Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen. Sie hat sich vorgenommen, beim nächsten Schulkurs direkt zu erzählen, dass sie Nationalspielerin ist – das könnte ein Plus an Respekt einbringen. Doch gelernt haben die Schülerinnen und Schüler alle etwas, und zwar ziemlich schnell. Erfolgserlebnisse gibt es beim Frisbee rasch. „Ultimate Frisbee stärkt das Selbstvertrauen enorm“ sagt Narjes.

Das war einer der Hintergründe, sich mit diesem rasanten Sport bei der Aktionswoche zum Tag der Integration vorzustellen. Ein anderer war, dass Narjes, Duttlinger und Wagener aus der Universität und dem Studienkolleg viele ausländische Studierende kennen – aus Italien, Georgien, Syrien, dem Iran. „Viele von ihnen, wie auch deutsche Studierende, haben Ultimate Frisbee bestimmt nie gespielt“, sagt Katrin Duttlinger, die früher Leichtathletin war, „wir wollen es bekannter machen.“ Inga Narjes ergänzt: „Vor allem das Frauen-Ultimate hat sich in den vergangenen Jahren toll entwickelt und wir freuen uns, wenn wir neue Gesichter begrüßen dürfen. Ganz egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Wir wollen Frauen und Mädchen die Möglichkeit geben, Stärke und Selbstbewusstsein zu erfahren, auf und neben dem Spielfeld.“ Katrin Duttlinger findet zudem, dass Ultimate Frisbee wegen des „Spirit of the Game“-Gedanken ein idealer Einsteigersport für Frauen sei, die sich bislang noch nicht in Teamsportarten ausprobiert hätten.

Zur Integration gehört langer Atem. Am ersten Nachmittag stehen die drei Frauen allein im Stadtpark. Regen. Sturm. Dunkle Wolken. Man ist sich einig – die Werbung war nicht ideal und etwas spät. Vier Tage später sind Greta, Elsa und Emma gekommen. Immerhin. Hier fremdelt niemand, nach sechzig Minuten probieren alle zusammen gar nicht so leichte Spielformen. Es nieselt, die Regenjacken kommen zum Einsatz. Und ein Frisbee kann man auch als Regenhut benutzen. Inga Narjes berichtet von einer Frau aus einer Flüchtlingsunterkunft, die vom Schnupperkurs gehört hatte und am Nachmittag kommen wollte – aber nicht kam.

Inga Narjes, Katrin Duttlinger und Frederika Wagener haben sich auf den Integrations-Weg gemacht, zusammen mit ihrem Verein „Hamburg Fischbees“. Frustriert sind die drei keineswegs nach den ersten beiden Erfahrungen. Eher kritisch-konstruktiv.  „Wir müssen uns jetzt fragen, woran es gelegen hat, dass wir so wenig Zulauf hatten“, sagt Narjes. Mehr Werbung, auch über die Sportkoordinatoren des HSB, und Mundpropaganda dürften helfen, oder mehr Besuche in Schulen. Das Konzept der drei Frauen ist jedenfalls so gut, dass es viele Sportlerinnen verdient hat, die auch mal sehen wollen, wie schwer es zunächst ist, das Frisbee zu werfen. Obwohl es aus der Hand der Profis doch so leicht aussieht. 

Text: Frank Heike