Rassismus ist unsportlich

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd gehen Menschen in vielen Ländern gegen Rassismus auf die Straße. Profisportler und -sportlerinnen weltweit zollen dem Black Lives Matter Movement öffentlich Tribut. Auch in Hamburg wird aktiv gegen Diskriminierung und Ausgrenzung trainiert.

„Das N-Wort höre ich leider viel zu häufig.“ Carl Junior Boateng Mireku ist es leid. Der 18-jährige HSV-Leichtathlet gehört zu einem der sechs Athleten des U-20-Weitsprung-Bundeskaders. Zuletzt gewann er bei der Deutschen Jugend-Meisterschaft 2019 Gold im Weitsprung und Gold in der 4 x 100 Meter Staffel. Ihm ist anzuhören, dass er Hamburger durch und durch ist. „Aber wenn ich das sage, fragen viele als nächstes, woher denn dann meine Eltern herkommen“, wundert er sich. „Das passiert mir leider auch im Sport“, berichtet Junior. Ein Beispiel: „Bei einem meiner ersten wichtigen Wettkämpfe wurde ein Athlet, der vor mir im Weitsprung antrat, von der Menge johlend angefeuert. Als ich gesprungen bin, war es nahezu totenstill.“ Obwohl ihn das kurzfristig demotiviert hat, hat er gewonnen. „Ich wollte ihnen zeigen, dass ich es auch ohne ihre Unterstützung schaffe!“

Neben der offensichtlichen Diskriminierung erlebt der Nachwuchssportler außerhalb seines Vereins häufig Situationen, in denen rassistisches Gedankengut eher unterschwellig mitschwingt. „In meiner Trainingsgruppe sind wir drei Jungs mit dunkler Haut. Dass man uns „Blackies“ ja eh nicht auseinanderhalten könne und wir uns ja so ähnlich sähen, wird dann gescherzt.“ Das mag nicht böse gemeint sein, tut aber trotzdem weh, genau wie eine andere Unterstellung: „Ich höre oft, dass ich mich glücklich schätzen könnte, afrikanische Gene zu haben. Dass ich aber wirklich hart trainiere und viel Zeit opfere, ist dann kein Thema“, ärgert sich Junior.

Fragwürdige Komplimente

Seine Teamkollegin Lysann Helms kennt diese Diskussion, wenngleich aus einer anderen Perspektive: „Insbesondere Menschen, die nicht vom Fach sind, also weder Trainer, noch Ärzte bedauern mich manchmal ungefragt. Sie sagen, dass ich es später als deutsche Sprinterin schwer haben werde, weil ich gegen die schwarzen Sportlerinnen chancenlos sei“, verrät sie. Helms geht seit Anfang 2020 für den HSV an den Start. Bei der Deutschen Meisterschaft 2019 wurde sie Vizemeisterin über 400 Meter. Im selben Jahr erzielte sie bei den U20 Deutschen Hallenmeisterschaften den dritten Platz. Wie Junior ist sie Mitglied des Bundeskaders und wurde von der Stiftung Leistungssport ins Team Hamburg für die geplanten olympischen Sommerspiele 2020 in Toyko berufen.

„Es ist wichtig, dass sich auch diejenigen, die von Rassismus nicht direkt betroffen sind, damit auseinandersetzen“, findet sie. „Wenn ich Rassismus erlebe, kriege ich ein schlechtes Gewissen. Dass Talent beispielsweise auf die Hautfarbe geschoben wird und nicht darauf, wie man trainiert und was man leistet, beleidigt mich dann ja auch“, meint Helms.

Am Wohlsten beim Sport

Marvin Willoughby, seit 2013 sportlicher Leiter und Geschäftsführer des Basketball-Erstligisten Hamburg Towers, differenziert: „Ich erlebe nicht, dass Rassismus direkt auf dem Spielfeld passiert, im Gegenteil. Sport verbindet eher, da steht die Leistung im Vordergrund. Beim Drumherum sieht es anders aus“, erklärt der 42-Jährige mit deutsch-nigerianischem Hintergrund, der auf eine lange Karriere als Spieler und Trainer zurückblickt. Seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieb er mit 16 Jahren. Als Nationalspieler absolvierte er 35 Länderspiele für Deutschland. „Ich habe in meiner frühen Jugend Fußball gespielt. Zu der Zeit gab es keine Spieler mit schwarzen Haaren in der Hamburger Auswahl. Dennoch habe ich mich im Sport am Wohlsten gefühlt“.

Während Willoughby gelernt hat, mit Angriffen auf seine Person gelassen umzugehen, beschäftigt ihn heute eher, was seinen Schützlingen wiederfährt. „Als Trainer der deutschen U-16 Nationalmannschaft waren wir mal bei einem Vorbereitungsturnier im Ausland. Menschen im Publikum haben Affenlaute geschrien und unsere deutschen Spieler beleidigt. Dass Jugendliche so etwas erleben müssen, macht mich fassungslos“, erklärt er. „Ich finde es wichtig, Diskriminierung nicht einfach hinzunehmen. Die größte Oppositionspartei in Deutschland ist rechtspopulistisch. Nur wenn man auch diejenigen, die nicht direkt betroffen sind, dazu bringt, darüber zu sprechen, wird unsere Gesellschaft einsehen, dass wir ein Problem haben“, macht er deutlich.

Sport nimmt Stellung

Die Basketball-Bundesliga spielte ihr Saisonfinale unter dem Hashtag "United against Racism". Die Spieler vieler deutscher Fußballbundesligaclubs trugen in den letzten Wochen Statements gegen Rassismus auf ihren Aufwärmshirts. Manche gingen schon vor dem Anpfiff gemeinsam in die Knie wie der American-Football Spieler Colin Kaepernick, der ehemalige Kapitän der San Francisco 49ers. Er hatte mit dieser Geste bereits 2016 gegen Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern protestiert und steht seitdem ohne Vertrag da.

Was für den Profisport gilt, beobachtet Gerd Wagner, Rassismus-Experte bei der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend auch im Amateurbereich: „Ein Spiel der Hamburger Oberliga wurde 2019 wegen rassistischer Beleidigungen eines Fans abgebrochen. Wagner berichtet allerdings auch, dass rechte Gruppierungen seit langem versuchen, Einfluss auf den Fußball zu nehmen. „2006 gab es eine große Diskussion um zwei Spieler die nach Ansicht einiger Menschen nicht weiß genug für die Nationalmannschaft waren“, erinnert er sich. „Auf der anderen Seite gibt es inzwischen Vereine, die sich aktiv damit auseinandersetzen, welche Werte sie vertreten möchten und wer bei ihnen Mitglied sein darf, erklärt Wagner.

Bewegung und Begegnung

„Leider gibt es keine Studie, die einen Überblick über Rassismus im Sportbereich gibt“, bemängelt Nina Reip. Sie führt die Geschäftsstelle des Netzwerks „Sport & Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde“. „In manchen Sportarten gibt es Meldemechanismen. Die Frage ist allerdings, wie viele Vorfälle tatsächlich angezeigt werden“, sagt sie. Auch ihr ist der Unterschied zwischen Profi- und Breitensport wichtig: „Im Leistungssport gibt es rassistische Erfahrungen im Zusammenhang mit Zuschauern und Schiedsrichtern sowie im internationalen Kontext. Dafür können stärkere verbandliche Strukturen mehr Einfluss auf gesellschaftliche Themen ermöglichen. Beim Breitensport hingegen spielt das gesellschaftliche Umfeld eine bedeutendere Rolle“, erläutert die Fachfrau.

Als größter zivilgesellschaftlicher Akteur ermöglicht Sport in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft immer weiter spaltet, also neben Bewegung vor allem Begegnung. Zahlen des Statistischen Amts Hamburg zufolge waren 536.578 Menschen, ein gutes Viertel aller Einwohner der Hansestadt, im Jahr 2019 Mitglieder in Sportvereinen. Sie alle können gegen Rassismus im Sport Haltung zeigen.

Die Fortbildungsseminare "Fit für die Vielfalt - Interkulturelle Kompetenz im Sport" des Hamburger Sportbunds geben Vereinen auch Anregungen und Impulse für ihr Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung. Alle Infos und die nächsten Termine sind unter  https://seminare.hamburger-sportbund.de zu finden. 

Text: Kristina Kara