SV Eidelstedt

Stefan Schlegel, stellv. Geschäftsführer, Hasib Aziz, Botschafter und Jeanne-Minou Klette, Integrationsbeauftragte (v.li.), das Team vom SV Eidelstedt

Dünger der Integration – seit fast 30 Jahren

Der SV Eidelstedt leistet vorbildliche Basisarbeit für den ganzen Stadtteil und darüber hinaus. In diesem Jahr hat eine Integrationsoffensive begonnen.

Die rotweißen S-Bahnen rauschen hier am Redingskamp zum Greifen nah vorbei, ein stetes Sausen und Jaulen, das Stefan Schlegel wahrscheinlich gar nicht mehr wahrnimmt. Der stellvertretende Geschäftsführer des SV Eidelstedt von 1880 sitzt auf einem schlichten Bürostuhl in der stickigen Geschäftsstelle und versenkt sich in eines seiner Lieblingsthemen – die Vereinsarbeit mit Migranten.

Ob Aussiedler, Asylsuchende, Flüchtlinge, Russlanddeutsche oder Menschen mit Migrationshintergrund: Um die Begrifflichkeiten hat sich der zupackende Schlegel nie geschert. „Wir sind von Anfang an im Thema gewesen“, sagt er und meint die Integrationsarbeit des SVE zu Beginn der 90er Jahre, als sein Verein damals noch als Eidelstedter SV begann, neue Bevölkerungsgruppen zu begrüßen und Mitglieder aus ihnen zu machen.

Die ersten Kontakte kamen damals über Polen und Russen. Böse Stimmen, Angst vor Überfremdung – das habe es damals so wenig wie heute gegeben. Oder sollte man besser sagen: Es gibt sie heute auch deswegen nicht, weil die Vereinsmitglieder sich an einen Nationalitäten-Mix gewöhnt haben, wie er für diesen gemischten Stadtteil alltäglich ist? Der 54 Jahre alte Schlegel, dem auch die Inklusion Behinderter am Herzen liegt, sagt: „Integration ist unser Auftrag und unsere Aufgabe. Sie hat Tradition bei uns. Wir wollen kulturelle Vielfalt in unseren Verein hineintragen.“

Er ist sich sicher, dass beide Seiten etwas davon haben. Die Flüchtlinge, viele von ihnen zunächst in der großen Erstaufnahme Hörgensweg und jetzt im früheren Medimax-Markt an der Kieler Straße nahe der Autobahnauffahrt untergebracht, weil sie „besportet“ und irgendwann auch hier heimisch werden. Die SVE-Mitglieder, weil sie sie kennen lernen, Vorurteile abbauen. Es wächst etwas zusammen, auch wenn Schlegel sagt: „Es gibt Berührungsängste. Aber mit gemeinsamen Aktivitäten kriegen wir die weg. Integration kann nur funktionieren, wenn jeder mitmacht.“ Der SVE liefert mit seiner haupt- und ehrenamtlichen Arbeit jedenfalls den Dünger. Dass jemand austritt, weil es ihm oder ihr ein Zuviel an Integrationsarbeit ist, hat Schlegel bisher nicht erlebt.

Seit langem sind die Eidelstedter Stützpunktverein im Bundesprogramm „Integration durch Sport“ des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen mit dem Ziel, Migranten aus aller Welt zum Sport zu bringen und zu Vereinsmitgliedern zu machen. Dafür hat sich der SVE Mitgliedspatenschaften einfallen lassen: Wer genug übrig hat, anderen die Teilhabe am Vereinsleben zu spendieren, ist herzlich willkommen. Schlegel sagt: „Wir sind ein Sportverein, es kneift an allen Ecken und Enden. Die Politik kann sich bei uns bedanken, dass es uns gibt. Denn wir kümmern uns wirklich.“ Es klingt wie eine Zustandsbeschreibung, nicht wie ein Klage oder Forderung. „Bei aller Knappheit muss man bei den Flüchtlingen auch mal fünfe gerade sein lassen“, sagt er.

Das Thema Integration strukturell zu verankern, ist eine Forderung des Programms. Abgehakt: Es gibt im erweiterten Vorstand ein Mitglied für das Thema Integration. Abgehakt und mit Leben gefüllt: Neben Stefan Schlegel sitzt Jeanne-Minou Klette und diskutiert mit. Sie arbeitet seit Jahresbeginn auf Stundenbasis als Flüchtlingsbeauftragte. Fremdfinanziert, also nicht aus den Beiträgen. Klette ist 23 Jahre alt und hat in Oldenburg Sport und Pädagogik studiert. Jetzt sortiert sie die zehn Sportangebote für Flüchtlinge, geht in die Unterkünfte, versucht herauszufinden, was dort gefragt ist. Berührungsängste? Keine. „Die Kinder haben mich sofort geliebt“, sagt sie. Fußball, Boxen, Tischtennis, Gymnastik, Frauenfitness. Die Vielfalt des Sports in der oft bedrängenden Langeweile des Lagers. Seit März hilft ihr der 15 Jahre alte Botschafter des Sports Hasib Aziz aus Afghanistan. Als Übersetzer, Sprachrohr, Begleiter, Werber, Vervielfältiger. Bald auch als Trainer. Der HSB kommt im Rahmen des Projekts „Beweg deinen Stadtteil!“ für die Kosten auf. Wer die beiden erlebt, denkt unwillkürlich an die große Schwester mit ihrem kleinen Bruder.

Draußen, beim Fototermin im Hamburger Sommerwind, sieht man einen stolzen Vereinsbotschafter. Einen, der im SVE-Shirt die Brust heraus streckt. Jeanne-Minou Klette schmunzelt (ein Portrait Hasib Azizs erscheint in einer späteren Folge der Sommerreihe). Die zierliche Frau will vorankommen. Sie arbeitet voller Energie für ihren Verein: „Es macht Spaß, weil alle über den Tellerrand schauen“, sagt sie.

Der SVE ist mit seinen über 7500 Mitgliedern in 20 Abteilungen ein Dickschiff im Hamburger Sport. Was hier in Sachen Integration durch Sport geleistet wird, findet Anerkenner und Nachahmer. Bestens im ziemlich bunten und eher armen Stadtteil vernetzt und an den Schulen durch Ganztags- und Ferien-Angebote und in den Kindergärten durch Bewegungs-Aktivitäten allgegenwärtig, ist der SVE längst ein „local player“. Viel mehr als ein Sportverein.

Die Dinge bewegen sich. Der Verein bewegt sich. Schon seit November 2015 laufen zwei gut genutzte Sportgruppen für Flüchtlinge, vieles ist hinzugekommen, aber Integration nach Schlegels und Klettes  Geschmack wäre es erst, wenn Flüchtlinge in bestehende Vereinsgruppen eingegliedert werden. Klette sagt: „Flüchtlinge kennen das Sportangebot in ihrer Nähe nicht.“ Mehrsprachige Flyer sollen das ändern; andere Angebote werden in die Unterkünfte getragen – wie etwa das Kindertanzen in der Pinneberger Straße. Die Fußball-Flüchtlingsmannschaft existiert weiterhin, die Halle der Julius-Leber-Schule in Schnelsen wird für Flüchtlingssport genutzt, ebenso der Bewegungsraum „Gym Schnelsen“, an einem sozialen Brennpunkt: Attraktive Sportangebote für kleines Geld, ein eigenes SVE-Konzept, übrigens.

An Stadtteilgrenzen macht die Integrationsarbeit nicht halt. Im Winter soll es wieder neue Sportgruppen für Flüchtlinge geben. „Wir würden gern noch mehr machen, wenn wir noch mehr machen könnten“, sagt Stefan Schlegel vorsichtig. Mit seiner Familie bereist er gern die ganze Welt, erzählt er noch. Keine schlechte Horizonterweiterung für diesen Beruf.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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