TV Fischbek

Angelika Czaplinski und Kinder in der freien Sportstunde des TV Fischbek

Dem Ganzen eine Richtung geben

Beim TV Fischbek wird Integration seit langem groß geschrieben – ob mit Migranten oder Flüchtlingen, spielt keine Rolle.

Sie haben sich richtig hübsch gemacht. Die Haare sind ein Kunstwerk, und die Kleidchen könnten eher für den Abschlussball gedacht sein als für eine Sportstunde. Hajara (sechs Jahre alt), Haman und Raihan (fünf und sieben) haben erfahren, dass heute ein Fotograf kommt. Da finden sie es offenbar nur angemessen, sich etwas mehr herauszuputzen als sonst hier in der freien Sportstunde beim TV Fischbek am Donnerstagnachmittag in der Schulsporthalle Ohrnsweg. Doch keine Sorgen – wer die drei Hamburgerinnen mit Wurzeln in Ghana und Togo später Uni-Hockey spielen sieht, muss sich um fehlenden Einsatz wegen steifer Kleidung keine Sorgen machen. Und die Haare sind so fest geflochten, dass sie einen Bodycheck unbeschadet überstehen.

Angelika Czaplinski begutachtet das Treiben mit einem milden Lächeln. Sie hat die drei Mädchen aus Neugraben abgeholt und wird sie später auch zurückbringen. Längst sind die „Fahrdienste“ auch beim TV Fischbek ein zentraler Punkt geworden, wenn es um den Sport mit Kindern oder Flüchtlingen geht. Weil ihr Mann an diesem Tag nicht unterwegs sein kann, sind diesmal keine geflüchteten Kinder aus der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) Geutensweg dabei. Angelika Czaplinski bedauert das. Doch die 60 Jahre alte Integrationsbeauftragte des TV Fischbek hat sich längst eine gewisse Robustheit zugelegt. Ein Verein ist ein Verein, und er kann nun einmal nicht jeden Wunsch erfüllen – nicht einmal dann, wenn er seit 2001 Stützpunktverein im Programm „Integration durch Sport“ des DOSB ist. Am Freitag, wenn die Botschafterin des Sports beim TV Fischbek, Ludmilla Zadireev, ihre Gruppe mit Frauen und Kindern aus derselben ZEA leitet, wird es schon wieder anders aussehen. Auch sie holt die Geflüchteten im Regelfall ab und bringt sie zurück.

Schon lange sieht sich der TV Fischbek als Institution, die in einem sozial schwachen Stadtteil eingreift, wo andere wegsehen. Bestens vernetzt und beispielsweise im „Arbeitskreis Sandbek“ aktiv oder der Initiative „Willkommen in Süderelbe“, geht der TVF ohne Berührungsängste an die Basis, kooperiert auch mit Vereinen, die andere sportliche Schwerpunkte haben. „In unserer Integrationsarbeit geht es nicht um Musterathleten oder Leuchtturmprojekte“, sagt Czaplinski, „wir versuchen, die unendliche Vielfalt des Sports anzubieten und wollen junge Menschen als sportliche Anlaufstelle von klein auf an begleiten.“ Vieles sei daraus schon gewachsen, erzählt Ludmilla Zadireev, die aus Russland stammt. Freundschaften, private Beziehungen, die längst nicht mehr übliche Nachbarschaftshilfe bei Umzügen oder Renovierungen zum Beispiel.

Beispiele wie die 14 Jahre alte Mariam aus Ghana sind dabei Motivationshilfen für Angelika Czaplinski. Mariam kam als kleines Mädchen über das Projekt „hands up“ zum TV Fischbek; dort wird Handball und Basketball geübt. Inzwischen ist Mariam selbst als Übungsleiter-Helferin dabei und übernimmt in der Donnerstagsstunde Verantwortung – die kleinen Mädchen schauen zu ihr auf.

Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, das sind in der Arbeit mit Migranten und Geflüchteten unerlässliche Voraussetzungen. Und zupacken sollte man können. Schon 48 Stunden nachdem die ersten Geflüchteten Mitte September 2015 im  Geutensweg ankamen, waren Angelika Czaplinski und ihre Helfer unterwegs und luden mit ein paar Bällen, Reifen, Seilen, Stelzen und einem Schwungtuch im Gepäck zur Bewegung ein. Inzwischen sind die zweistündigen Angebote am Dienstag und Samstag etabliert: Sechs bis zwölf Ehrenamtliche gehen dann in die Unterkünfte. Eine vereinsinterne Fortbildung zum Thema Sport mit Flüchtlingen haben Czaplinski und ihre Mitstreiter arrangiert und absolviert, zudem Ausbildungs-Module beim HSB besucht (Konfliktlösung, Traumabewältigung). Mit Gewinn, wie sie sagt.

Als die Flüchtlinge kamen, half dem TV Fischbek die eigene Rolle als Integrations-Platzhirsch am Ort –  mit eigenen Ideen, wie Flüchtlings-Sport aussehen könnte. „Wir hatten den Mut, uns gegenüber den Unterkünften durchzusetzen“, sagt Czaplinski, eine schlanke, junggebliebene Handballerin. Im Sportangebot richtet sich das etwa 20 Mann starke „Team Integration“ nicht nur nach dem Gewünschten. Das wäre in den meisten Fällen Fußball. Sie wollen dem Ganzen eine Richtung geben, Verantwortung verteilen. Im Projekt „Freundschaftsspiel“ etwa geht es gezielt um Familien. Altersübergreifender Sport für Eltern und Kinder. So begleitet der Verein die Menschen im Stadtteil über Jahre. Zum Abschluss gibt es immer eine gemeinsame Familien-Freizeit, zuletzt auf Sylt.

Im Allgemeinen, sagt Angelika Czaplinski, sei der Verein offen für Angebote mit Flüchtlingen. Doch oft komme als nächstes die Frage nach den Kosten. „Wir geben keinen Cent von den Beiträgen dafür aus“, sagt sie, „alles, was durch das Programm Integration durch Sport gefördert wird, ist komplett fremdfinanziert.“ Dass der Verein und seine führenden Kräfte viel geben und zurückbekommen, steht außer Frage. „Die Flüchtlinge sind ganz schön bereit, sich auf uns einzulassen“, sagt sie, „und sie haben auch viele Ansprüche. Nicht alles können wir leisten.“ Behördengänge abnehmen, die deutsche Sprache beibringen oder bei persönlichen Schicksalen ganz genau zuzuhören – das ist nicht (immer) möglich. Im Einzelfall vermitteln die Fischbeker an Fachgruppen der Willkommens-Initiative weiter.

Zu erzählen haben schon die kleinen Sportler aus der Donnerstagstunde im Ohrnsweg eine Menge. Sie belagern Angelika Czaplinski, wollen hier einen Rat, haben da eine Frage, wollen sich austoben und auch mal in den Arm genommen werden. Kinder eben. Czaplinski meistert das mit Ruhe und Autorität. Es gibt sogar Schokoriegel für alle, als das Aufwärmen an Seilen und mit Bällen vorbei ist und Uni-Hockey gespielt werden soll. Hajara, Raihan und Haman flitzen dem weißen Ball hinterher und haben ihre schicken Kleider und Frisuren längst vergessen.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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