Altona 93

Wladimir Bondarenko mit der D-Jugend von Altona 93

Respektsperson und Teilzeit-Papa

Dank Männern wie Wladimir Bondarenko hat die Integrationsarbeit bei Altona 93 einen großen Stellenwert

Der Ball knallt gegen den Pfosten. Mohammad greift sich an den Kopf, lächelt verlegen und läuft zu seinen Mannschaftskameraden an die Mittellinie zurück. Er ist nicht der einzige, der seinen Neunmeter an diesem heißen Nachmittag verschießt.  Macht nichts – ist ja nur ein Freundschaftsspiel, Saisonabschluss der D-Jugend von Altona 93 auf dem Grandplatz der befreundeten Groß Flottbeker SpVgg.

Mohammad Merhi ist elf Jahre alt und hat bis vor knapp zwei Jahren in Latakia gelebt, einer syrischen Hafenstadt am Mittelmeer mit 420.000 Einwohnern. Über seine Flucht nach Deutschland mag er nicht sprechen. Fußball ist ein besseres Thema, eines, das Mohammad in perfektem Deutsch abhandelt und so antwortet, dass sich sein neben ihm stehender Trainer Wladimir Bondarenko ein breites Grinsen nicht verkneifen kann. „Mein Lieblingsverein ist Altona 93!“, sagt Mohammad ohne Umschweife. Hier darf er mitspielen, im rechten Mittelfeld seine Schnelligkeit und gute Koordination zeigen, Mohammad ist nämlich auch ein sehr guter Turner.

„Als er zu uns kam, war er ein Fußball-Anfänger“, sagt Bondarenko, der bei Altona 93 auch der Integrationsbeauftragte ist. Seit 2012, um genau zu sein, und vor allem, weil er einfach nicht nein sagen kann, wenn es um die Arbeit für den Verein mit Kindern geht. „Ich habe eigentlich auch nicht richtig ja gesagt“, erinnert sich der großgewachsene Mann, der in Kasachstan geboren wurde und 1995 über Itzehoe nach Hamburg kam, „ich sagte nur, dass ich schon Arbeit bis Oberkante Unterlippe habe. Aber bei der nächsten Sitzung haben alle Anwesenden einfach applaudierend zugestimmt, als mein Name genannt wurde. So wurde ich Integrationsbeauftragter.“ Seit 2005 bei Altona 93, ist der 51 Jahre alte Vater dreier Kinder ein Ehrenamtler durch und durch geworden: zupackend, ehrlich, sympathisch. Einer, der Arbeit annimmt, wenn andere sich wegducken. Wie seine Jungs zu ihm aufschauen, wenn er in der Halbzeitpause die Taktik der zweiten Hälfte an der Tafel vorgibt – da ist einer Respektsperson und Teilzeit-Papa in einem.

Bondarenkos eigene Geschichte ermöglicht ihm einen einfachen Zugang zum Thema Integration. „Ich weiß, welche Probleme es gibt. Ich kam als erwachsener Mann ohne Sprache her. Du stehst plötzlich wie ein kleines Kind da, gleichgültig, welchen Status du vorher hattest. Du kannst nirgendwo anklopfen. Ich hätte mir mit 25 Jahren nie vorstellen können, einmal in Deutschland zu leben. Und dann: Ratzfatz bist du Flüchtling!“ Als Diplom-Ingenieur im Maschinenbau kam er vier Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland in seinen heutigen Job. Das war 1999. Man kann es gewiss schlechter treffen, das weiß Bondarenko. Er sagt: „Der Sport kann helfen. Durch Sport gehen Türen auf, weil es keine Sprachbarriere gibt.“

Altona 93 hat als Fußball-Traditionsverein in einem sehr gemischten Stadtteil immer den Auftrag wahrgenommen, Klub aller Nationalitäten zu sein. 30 Prozent Migrationshintergrund, 40 Nationen im Viertel, das sind nur zwei Zahlen. Dass hier jeder willkommen ist, dafür steht schon ein Vereins-Urgestein wie der 81 Jahre alte Ehrenvorsitzende Volker Kuntze-Braack. „Wir wollen die Geflüchteten mit Herz, Freude und Anerkennung bei uns empfangen“, sagt „VKB“, wie ihn hier alle der Einfachheit halber nennen. „Für uns gibt es keine Grenzen bei der Integration, kein schwarz oder weiß.“ Mit drei Bussen ließ Altona 93 Geflüchtete aus der Erstaufnahme Schnackenburgallee zu einem Ligaspiel der ersten Mannschaft Anfang der Saison 2015/2016 fahren, zugucken, essen, trinken, alles frei. „Sie sollten einfach mal einen Tag genießen“, sagt Kuntze-Braack.

Um die Betreuung kümmerten sich da auch die Länder-Paten – eine im Grunde verblüffend einfache Idee der interkulturellen Öffnung, auf die sie bei Altona 93 zu recht stolz sind. Bondarenko sagt: „Wir haben im Verein gemerkt, dass es manchmal keine Sprache füreinander gibt, wenn es um kompliziertere Dinge als Fußball geht. Wir wollen den Austausch, aber es geht manchmal nicht. Deswegen haben wir gesagt: Leute, trommelt für eure Länder, werdet Länderpaten! Jetzt haben wir Paten für zehn Länder.“ Bei Veranstaltungen wie dem „Internationalen Sportfest“ werben die Länderpatinnen und – paten im Kreis ihrer Nationen für den Verein und das Ehrenamt. Über sie läuft auch die Ansprache der Flüchtlinge. Im Verein arbeiten sie als Betreuer, Trainer oder Schiedsrichter. Darüber hinaus werden Tipps gegeben zu Schulen, Kindergärten oder einem guten Ausbildungsplatz. „Es ist einfach leichter, mal eben etwas in der eigenen Sprache zu sagen. Wir haben eine sehr bunte Struktur bei den Trainern und Betreuern.“, meint Bondarenko. Er sieht „keinen großen Unterschied“ in der Arbeit mit Migranten-Kindern oder mit Kindern geflüchteter Eltern: „Alle wollen Fußball spielen. Wir haben immer ein Kontingent Kinder aus den Unterkünften.“

Mohammad Merhi ist so ein Kind. Vor einem Jahr und neun Monaten kam er nach Hamburg. Er sprach Arabisch und verstand nichts. Jetzt ist er soweit, dass er im September die sechste Klasse der Geschwister-Scholl-Schule in Lurup besuchen wird. Bondarenko sagt: „Kinder sind Kinder, egal woher. Sie sollen lächelnd zum Training kommen und lächelnd wieder gehen. Sie machen Quatsch, sie wollen spielen. So muss das sein. Und ist es so schlimm, wenn sie mal zwei Minuten zu spät kommen? Der Fußball ist die Gesellschaft en miniature. Die ideale Vorbereitung für das große Leben.“ Wie bei anderen Kindern auch kommen die Mitgliedsbeiträge über das Förderprogramm „Kids in die Klubs“ der Hamburger Sportjugend. Und wenn Mohammad sagt, dass ihm in Deutschland eigentlich alles gefalle – abgesehen vom Wetter –, erahnt man, dass er sich hier schon ganz wohl fühlt.

Das liegt natürlich auch an Menschen wie Wladimir Bondarenko. Der würde diesen Erfolg nie für sich reklamieren. Er sagt: „Einer wie Mohammad ist überhaupt nicht isoliert oder einsam. Er ist voll dabei. Wir Trainer und Betreuer haben da eine riesige Aufgabe übernommen“, sagt er und denkt auch an seinen fröhlichen Assistenztrainer Alpha Gibba aus Gambia.

Die Verantwortung sei allerdings auch die Kehrseite des Integrationsbemühens im Verein, da sind sich Bondarenko und Kuntze-Braack einig. „Wir sind zeitlich ausgepowert“, sagt „VKB“, „wir haben eminent wichtige Grundarbeit geleistet. Aber jetzt müssen andere kommen, ausgebildete Sportpädagogen.“ Bondarenko sagt: „Mein Modell ist, dass das Ehrenamt anschiebt, aber dann das Hauptamt die Arbeit übernehmen muss. Wir Vereine unterstützen gern. Aber wir können auf Dauer nicht die Hauptrolle spielen.“

Dass es dabei auch ums Loslassen geht, weiß Wladimir Bondarenko aus eigener Erfahrung: „Es ist schlimm, wenn ein Kind sich bei uns wohlfühlt, aber die Eltern in ein anderes Bundesland müssen. Dann verlässt es das letzte Training mit Tränen in den Augen.“

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

Position