Sevda Puls

Vereinsvorsitzende Susanne Otto vom SV Lurup (li.) und Sevda Puls

Bitte hilf mir!

Wenn das Ehrenamt zur Lebenskunde wird: Sevda Puls‘  Bereitschaft anzupacken geht über das normale Maß hinaus

Sevda Puls ist für Kayhan keine Botschafterin des Sports beim SV Lurup. Botschafterin? Sehr wahrscheinlich kennt er dieses Wort gar nicht. Sevda Puls ist viel mehr für den 25 Jahre alten Flüchtling aus dem Irak. Sprachrohr. Mutterersatz. Licht im Dunkel.

Einmal klingelt ihr Telefon um 22.30 Uhr. Kayhan. Halb elf – das ist selbst Sevda Puls zu viel: „Kein Mensch in Deutschland ruft mehr nach 21 Uhr irgendwo an“, sagt sie. Aber Gedanken gemacht hat sie sich doch, was wohl diesmal wieder los war?

Sevda Puls lebt ihr Ehrenamt beim SV Lurup. Als Botschafterin des Sports „der ersten Stunde“, wie sie sagt, leitete sie erst eine Gymnastikgruppe türkischer und russischer Frauen. 2013 war es, als die Vereinsvorsitzende und Integrationsbeauftragte Susanne Otto bei einem Sportfest auf sie zukam und fragte, ob sie sich vorstellen könne, mitzuhelfen. „Konnte ich, weil man Susanne nichts abschlagen kann“, sagt die kleine Frau mit dem großen Herzen.

Sie wollte etwas bewegen. Im Verborgenen. Das hat sie – die Gruppe für übergewichtige Frauen beim SVL etablierte sich. Anfangs war es mühsam, klar: Sport, Anstrengung, Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit, „da habe ich bei den Frauen viel Überzeugungsarbeit leisten müssen“, sagt Sevda Puls. Aber mit ihrer Mischung aus türkischem Temperament und deutscher Genauigkeit traf sie den Ton. Die Gruppe lief. Sevda Puls sagt: „Die Frauen mit Migrationshintergrund sind seit 30 Jahren hier. Die sind in unserer Kultur verwurzelt, auch wenn sie den Frauensport bis dahin nicht so kannten. Du musstest sie überzeugen, etwas anbieten, dann kamen sie und waren da. Bei Flüchtlingen ist das viel schwieriger. Die haben so viele Sorgen, Ängste und Probleme. Das ganze ist flüchtiger. Die denken nicht an Sport.“

Sevda Puls kam nach Deutschland, als sie ein paar Monate alt war. Sie heiratete einen Deutschen („deswegen mein Nachname“), bekam drei Kinder, war Gastronomin. Jetzt ist sie mit 48 Jahren Botschafterin des Sports beim SVL. Ehrenamt? „Ich mache das, weil ich Zeit und Lust dazu habe“, sagt sie, „für mich ist es eine Befriedigung zu helfen.“ Die Ausbildung zur Botschafterin des Sports beim HSB, die Treffen mit den anderen Gleichgesinnten – das genießt sie. Sie ist ein aufgeschlossener Mensch. Vor allem Maria Ali, die scheidende Kollegin des TSV Wandsetal, hat sie ins Herz geschlossen. Beim gemeinsamen Pizza-Essen werde immer ziemlich genau die Hälfte der Zeit über das Ehrenamt, die andere Hälfte über Privates geplaudert, erzählt Sevda Puls.

In der ersten Halbzeit hat neuerdings Kayhan einen großen Anteil. Zum ersten Mal half Sevda Puls dem irakischen Kurden vor ein paar Wochen in der Folgeunterkunft an der Luruper Hauptstraße. Dort fühlte er sich verfolgt, unwohl, unsicher. Offenbar traumatisiert. Nicht alles konnte Sevda Puls verstehen, was er von ihr wollte, aber sie war schnell sein Anker. Zuhause sei er Kurzfilmmacher gewesen; einen seiner Streifen hat sich Sevda Puls ansehen dürfen. Es war ein schöner Film mit tragischem Ende. Sie sagt: „Ich habe keine Probleme mit Kurden, Türken oder Irakern. Mir war klar, dass Kayhan Hilfe braucht.“ Kayhan hatte Angst dort und sagte Sevda Puls, dass er das Lager deswegen gern verlassen würde. Erst sollte ein Anwalt vermitteln, doch diese Empfehlung Kayhans verlief im Sande. Die Familie Puls überlegte, Kayhan zuhause im Keller nächtigen zu lassen. Das wäre dann aber doch ein Zuviel an Nähe gewesen.

Mit einem Dolmetscher suchte Sevda Puls dann eine Ärztin auf. Sie diagnostizierte eine Erschöpfungs-Krankheit bei Kayhan, und Sevda Puls fand tatsächlich einen Platz in einer psychosozialen Einrichtung für den irakischen Flüchtling. Ausgang offen – aber für den Moment ein großer Erfolg.

Wenn man sie fragt, was das ganze denn mit Sport zu tun habe, wird Sevda Puls laut: „Soll ich sagen: Du, ich mache nur Sport, ich kann dir nicht helfen? Ich kann ihn in seiner Notlage doch nicht zwingen, bei uns Sport zu machen!“ Solange Susanne Otto ihr zubillige, quasi als Kayhans persönliche Betreuerin weiterzumachen, werde sie das tun, beteuert Sevda Puls. Otto nickt.

Gerade hat sich Kayhan wieder gemeldet. Es gebe da eine wichtige Sache, ob sie auch kommen könne. Irgendwas mit einer Demonstration. Sevda Puls wird hingehen.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

Position