Box-Akademie Jenfeld

Mädels aus einer Trainingsgruppe der Boxakademie

 Eine Heimat für die Übersehenen

In der Box-Akademie Jenfeld lernen benachteiligte Kinder und Jugendliche für das Leben. Projektmanager Waldemar Sidorow hat einige persönlich von der Straße geholt.

Jeder möchte ein Lob bekommen. Jeder hier giert nach Galina Sytschjows Aufmerksamkeit. Aber dafür müssen die acht jungen Sportler etwas tun. Und sich benehmen. Die Hände gehören bestimmt nicht in die Taschen der Trainingshose, aber Viktor parkt sie trotzdem dort. Ein kleiner, sanfter Anschiss von Galina Sytschjow, die im Hauptjob Kriminologie an der Polizeifachschule lehrt, und die Hände fliegen raus. Natürliche Autorität. Jannik sonnt sich später ein paar Sekunden in ihren Worten: „Du schaffst das – ich glaube an dich!“, ruft Galina, und Jannik bringt mit zuckenden Armen 25 Liegestütze hinter sich. Janniks Körper kracht auf den bebenden Hallenboden. Applaus.

Die 28 Jahre alte Galina Sytschjow ist die Chefin hier beim Training der Box-Akademie Hamburg in der Max-Schmeling-Stadtteilschule in Jenfeld. Hübsch und charmant, hart und klar. Seit vielen Jahren dabei, das beste Pferd im Stalle Waldemar Sidorows – der das natürlich so nie sagen würde. Alle seine Trainer sind gleichberechtigt.

Sidorow, studierter Theologe, hat die Akademie 2009 gegründet. Jahr für Jahr kämpft er um Spenden und Fördergelder, um Kindern und Jugendlichen durch die Arbeit mit ihnen in seiner Akademie zu verdeutlichen, wer sie sind, was sie können, was sie wollen. Die Akademie ist ein Wegweiser für viele, denen die Orientierung abhanden gekommen ist. Auch für welche, die nie eine hatten. Wer mal hier war und den eigenen Wert zum ersten Mal gespürt hat, kommt wieder – und bringt Geschwister oder Freunde mit.

Die Bezeichnung „sozialer Brennpunkt“ ist für Waldemar Sidorow keine Schande oder angstbesetzt. So etwas fordert ihn nur heraus. „Wir haben bei uns 95 Prozent Migranten“, sagt Sidorow, der sich gewählt ausdrückt, aber nie um den heißen Brei redet, „und wenn jetzt noch ein paar Flüchtlinge hinzukommen, sind es 98 Prozent.“ Auf dem kurzen Weg von seinem Büro auf dem Dach des Jenfelder Einkaufzentrums bis zur Sporthalle begrüßt er fast alle Jugendlichen einer späteren Trainingsgruppe mit Handschlag – oder besser: Sie begrüßen ihn.

Sidorow ist bekannt wie ein bunter Hund. Er kennt die Pastoren hier, die Eltern, die Schulleiter, die Polizisten, die Leute von der Handwerkskammer. Wenn die Lehrer mit verhaltensauffälligen Kindern nicht weiterwissen, rufen sie bei Sidorow an. Er nimmt erstmal alle. Selbstregulation, Gewaltprävention, das sind die obersten Prinzipien seiner offenen, sportbezogenen Kinder- und Jugendarbeit. „Sie müssen bei uns die Regeln der Gesellschaft lernen, wie funktionieren die Subsysteme“, sagt Sidorow, „aber sie müssen auch lernen, mit Enttäuschungen fertig zu werden. Sie haben oft hohe Ziele. Die meisten hohen Ziele setzen aber das Abitur voraus. Und da wird es oft schwierig.“ Vielen mangele es an einer realistischen Selbsteinschätzung, sicher kein spezielles Jenfelder Problem. Durch das Boxtraining reguliere sich aber manches, sagt Sidorow. Zumindest Selbstwertgefühl baut sich auf. Sidorow sagt: „Die wenigsten kommen jedes Mal zum Training. Sport ist für uns nur ein Medium. Wir haben nur eine Handvoll, die wirklich boxen will. Die Jungs und Mädchen holen sich bei uns, was sie brauchen. Die, die kein Zuhause haben, sind bei uns. Integration ist ein Mega-Thema unserer Zeit. Wir hier kümmern uns.“ Auch um die Übersehenen.

Für viele Menschen in Jenfeld ist Sport ein Luxus und überhaupt nur interessant, wenn er nichts koste. „Integration in Stadtteilen wie Jenfeld funktioniert nur über Beitragsfreiheit“, sagt Sidorow. Seit vielen Jahren ist die Box-Akademie anerkannter Stützpunktverein im Programm „Integration durch Sport“. Ständig sucht er Menschen, die es sich leisten wollen, anderen Mitgliedschaften in der Akademie durch eine Jahresspende von 120 Euro zu ermöglichen. Nicht immer wird er fündig. Manches wundert ihn – wenn  Gönner, sicher gut gemeint, Kleidung spenden wollen oder Firmen Trainingsanzüge mit ihrem Aufdruck. Denen sagt er in aller Ruhe: „Ich will Mitarbeiter, die prägen die Kinder, dafür brauche ich Geld. Nicht für neue Trikots und Schuhe.“

Zurück in der Halle ist es Zeit für boxspezifische Übungen. Das Tapen der Finger, das Überziehen der Handschuhe, die richtige Grundstellung beim Faustkampf – Galina und ihre beiden Assistenten überwachen alles. Mit viel Geduld. „Habt ihr euren Mundschutz dabei?“, fragt Abdul, ein 20 Jahre alter Syrer, der schon sieben Jahre hier lebt. Galina freut sich heute besonders über Lex, einen sieben Jahre alten Knirps, der koordinativ ein gutes Stück weiter ist als seine älteren Kollegen. Er ist zum dritten Mal dabei, obwohl er doch eigentlich noch zu jung ist – die Box-Akademie beginnt erst ab zehn. Geschenkt, in diesem Fall. Sie selbst will nicht bewerten, klassifizieren oder vergleichen: „Es gibt kein Mindestmaß. Wir wollen den Spaß an Bewegung fördern. Jeder hat sein eigenes Potential. Und jeder kommt mit seinem Päckchen Sorgen her“, sagt sie. Dass das Päckchen bei manchen ein stattliches Paket ist, weiß Galina Sytschjow. Sie sagt: „Wir haben Kinder, die trauten sich keinen Purzelbaum zu, oder hatten Angst, barfuß über eine Wiese zu gehen. Mitleid kann ich hier aber ganz schnell einpacken. Das bringt überhaupt nichts. Wir müssen mehr sein als Boxtrainer.“

Bei der Box-Akademie in Jenfeld wird Lebenshilfe vermittelt. Wenn irgendjemand dabei noch den Jab lernt oder 100 Liegestütze hinbekommt – umso besser.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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