SC Urania

Jugendwartin Sylke Weise und Seyhan Dülger, Integrationsbeauftragte vom SC Urania

Lebenshilfe inklusive

Beim SC Urania in Dulsberg wird der Sport angeboten, den die Zielgruppe verlangt. Ganz einfach. Radfahren, Schwimmen und Gymnastik haben dem Klub viele neue Mitglieder eingebracht. Doch das ist nicht alles.

Das Angebot heißt bewusst schlicht und offen gehalten: „Frauensport international“.  Jede, die möchte, kommt vorbei und macht unter fachkundiger Anleitung mit. Ohne sich anzumelden. Das nennt man niedrigschwellig. Seyhan Dülger sagt: „Unsere Frauen freuen sich, dass es so etwas gibt. Unsere Angebote sind genau das, was die Frauen am meisten interessiert.“  Vier Fitness-Kurse für ältere und jüngere Frauen mit Migrationshintergrund bietet der SC Urania in den Schulsporthallen Lämmersieth und dem Alsterring-Gymnasium  inzwischen an. Ohne Männer. Ohne, dass neugierige Blicke von außen in die Halle geworfen werden können – Vorhängen sei Dank. Das waren die Voraussetzungen.

Seyhan Dülger ist seit der Entstehung der ersten Kurse 2012 dabei. Den Termin am Dienstagabend, Programmpunkte: Fitness und Ballspiele, hat die 38 Jahre alte Frau reserviert. „Da bin ich gern dabei“, sagt sie lächelnd – ein bisschen Zeit für sich. Neben dem Hauptjob am Hamburger Institut für Berufliche Bildung, dem Ehrenamt beim SC Urania und dem Familienleben mit ihrem Mann und zwei Kindern. „Quality time“ heißt das wohl auf Neudeutsch. Die in Niedersachsen geborene Frau mit türkischen Wurzeln arbeitet eng an der Seite der 57 Jahre alten Jugendwartin Sylke Weise und hat als klug planende Projektkoordinatorin ein waches Auge auf das gesamte Feld „Integration durch Sport“ beim SC Urania.

Und dieses Feld ist ein weites, denn der 750 Mitglieder starke Klub zwischen Dulsberg und Barmbek  kümmert sich traditionell um alle Menschen in diesem bunten, lebenswerten Stadtteil mit der Habichtstraße als Hauptschlagader. „Als wir das Programm vor vier Jahren im Verein vorgestellt haben, fragten uns die Übungsleiter, was denn genau Neues daran sei“, sagt Sylke Weise. Multikulti ist hier nämlich gelebter Alltag. Das sieht schon, wer dem Trainingsbetrieb der Fußballjugend an einem beliebigen Nachmittag nur 30 Minuten zuschaut. Während der Verkehr auf der vierspurigen Habichtstraße stockt, üben auf Uranias Rotgrandplatz vier Jugendmannschaften, denen die unterschiedliche Herkunft sofort anzusehen ist. Hier trägt auch nicht jeder die neuesten Fußballschuhe und Trikots. Auf einem kleinen Grünstreifen vor dem Platz spielen Eltern Federball. Väter und Mütter plaudern, warten in der Sonne.

Seit 2012 ist der SC Urania Stützpunktverein im Programm Integration durch Sport, und in dieser Zeit haben Weise, Dülger und ihre Mitstreiter viel geschafft. Ein Schwimmangebot im geschützten Bereich für Muslima etabliert, 2014 einen bemerkenswert erfolgreichen Kurs für Frauen gestartet, die Radfahren lernen wollten. 49 Euro kostet das, 35 Euro in der ermäßigten Variante. Wie wenig, bedenkt man die Wirkung! Frauen aus der Türkei, China und Afghanistan können nun radeln, genießen Freiheit, frische Luft und Mobilität, oder wie es mal eine Teilnehmerin aus China sagte: „Wenn du in Deutschland nicht weiß, wer Brecht ist, ist das okay, aber wer nicht Rad fahren kann…“

Seit viele Flüchtende die Stadt erreicht haben, hat Urania sein Angebot erweitert: Flüchtlingsschwimmen für Mütter und Kinder aus der Unterkunft Farmsen zwei  und anderen Unterkünften, ein Fußballturnier mit Flüchtlings-Mannschaften. Mundpropaganda, Flyer  und Berichte im Hamburger Wochenblatt helfen, die Angebote bekannt zu machen. „Wir sind gut vernetzt mit allen sozialen Einrichtungen im Stadtteil“, sagt Seyhan Dülger. Das hilft. So wie ihre Sprachkenntnisse und die Bereitschaft, Texte auf der Homepage ins Türkische zu übersetzen. Längst ist der SC Urania mehr als ein Sportverein, er ist eine Stadtteilinstitution. Dülger berät in Ausbildungsfragen; beim „Stammtisch für Frauen“ gibt es einmal im Monat Tipps zur gesunden Ernährung, zur Stressbewältigung, zum Thema Osteopathie. 

Die Nähe zu „ihrem“ Klub hat viele Frauen aus der Türkei, Syrien oder Afrika zu Vereinsmitgliedern und einige sogar zu Übungsleiterinnen werden lassen (darunter eine Fahrradlehrerin)  – auch solche, die in deutschen Klubs unterrepräsentiert sind: Ältere Migrantinnen aus bildungsfernen Schichten. Insgesamt 70 Personen aus dem Frauensport-Angebot sind Mitglieder geworden; die 100-Personen-Grenze würde Sylke Weise gern irgendwann „knacken“. Es gibt zudem vereinsinterne Stammtische, die die Toleranz zwischen alten und neuen „Uraniern“ fördern sollen – das allerdings sei ein mühsames Geschäft, sagt Weise. Es gebe wenig Berührungspunkte.

Macht nichts. Dülger und Weise sind mit ihren Angeboten für Migrantinnen einfach am Ball geblieben; sie bieten das an, was gefragt ist und sind bei manchen Kursen jetzt schon überbucht. Natürlich ist das viel Arbeit für die Ehrenamtlichen. Natürlich fehlt hier und da das Geld. „Wir wollen und müssen auch etwas verdienen“, sagt Sylke Weise. Das Schwimmen kostet pro Stunde fünf Euro. Wer beim „Frauensport International“ das zweite Mal kommt und bleiben möchte, kann für sechs Euro im Monat Mitglied werden. An anderer Stelle hat der SC Urania das Thema „Integration durch Sport“ schon strukturell verinnerlicht: Es ist in die Vereinssatzung aufgenommen.  Mehr als das ist geplant – gern würde der Klub eine kleine, vereinseigene Halle in Dulsberg-Süd bauen.

Sylke Weise versteht es längst als Gewinn, andere Kulturen kennen zu lernen. Dass sie Seyhan Dülger mag und gewinnbringend mit ihr arbeitet, entgeht keinem. Dabei richtet sich ihr Blick immer nach vorn. Erst Ramadan, dann Sommerferien – es stockt gerade etwas beim SC Urania. „Wir müssen nach den Ferien wieder Werbung machen“, sagt Sylke Weise. Seyhan Dülger nickt.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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