Ludmilla Zadireev

Ludmilla Zadireev, Botschafterin (li.) mit Angelika Czaplinski vom TV Fischbek

„Alle haben ein Bedürfnis nach Sport“

Ludmilla Zadireev, 40 Jahre alt, bewegt ihren Stadtteil – als Botschafterin des Sports des TV Fischbek.

Erst seit März im Amt, kann sie inzwischen kaum noch unerkannt durch Fischbek und Neugraben fahren: „Im Bus und auf der Straße grüßen mich so viele fremde Gesichter, dass ich einfach zurückgrüße.“ Die vom Programm Integration durch Sport des HSB ins Leben gerufene und geförderte Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen füllt sie aus. Das merkt man im Gespräch.

Frage: Frau Zadireev, wie sind Sie Botschafterin beim TV Fischbek geworden?

Ludmilla Zadireev:  Das war eigentlich eher zufällig. Meine Tochter spielt im Verein Volleyball, und ich habe irgendwann gehört, dass die vorherige Botschafterin Ina Maul aufhören will. Dann habe ich mich bei Frau Czaplinski vorgestellt. Sie ist die Integrationsbeauftragte des Vereins. Es gab auch noch andere Bewerber. Ja, und jetzt mache ich es.

Sie machen das nun seit März, gibt es schon ein Zwischenfazit Ihrer Arbeit?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich bin vor 16 Jahren aus der Nähe von Nowosibirsk in West-Sibirien hergekommen. Ich konnte kein Wort deutsch. Ich möchte den Migranten hier bei uns im Stadtteil und den Flüchtlingen im Zentralen Erstaufnahmelager in Fischbek und den Folgeeinrichtungen durch meine eigenen Erfahrungen als Migrantin weiterhelfen. Wo kann ich unterstützen? Was kann ich machen? Die Fragen gehen ganz oft über den Sport hinaus, wir helfen uns bei der Job- und Wohnungssuche. Alle Flüchtlinge wollen zudem gern Deutsch lernen. Da bieten wir kleine Hilfestellungen an – dass sie beim Seilspringen etwa mitzählen. Das klingt simpel. Aber durch so etwas habe ich auch Deutsch gelernt.

Kommen Sie aus dem Sport?

Nein, ich habe Wirtschaftsrecht studiert und arbeite jetzt als Sozialbetreuerin.

Was motiviert Sie für dieses Ehrenamt?

Meine Motivation ist die Freude der Menschen. Ich komme leicht mit Menschen in Kontakt und habe keine Probleme, auf Kinder und Jugendliche zuzugehen. Die Lage, völlig fremd in einem Land zu sein, kenne ich gut. Uns Russen ist das absolut nicht fremd und aus meiner Sicht verstehen die Vereinsmitglieder mit Migrationshintergrund genau, wie es den Flüchtlingen geht. Man sollte keine Vergleiche zwischen „ihnen“ und „uns“ ziehen. Diejenigen, die ich kenne, haben Mitleid mit den Flüchtlingen. Neid gibt es keinen. Integration ist ein sehr langer Weg. Die Flüchtlinge sind wirklich bereit, sich auf uns, den Verein und das Sportsystem einzulassen.

Was bieten Sie in den Unterkünften an?

Wir bieten sehr viele Sportarten an, fast alles, wo ein Ball dabei ist, wird gern gespielt. Für die Eritreer bieten wir zudem Lauftreffs an. Wichtig ist uns, auch die Mütter zum Sport zu bewegen, und beide Geschlechter in einer Sportart zu haben. Es geht um ein Miteinander im Sport. Wir haben unser Projekt „Freundschaftsspiel“ und „Hands up!“, wo sie auch ihnen fremde Sportarten wie Handball oder Volleyball ausprobieren können. Doch es geht über die reine Bewegung hinaus – ich habe zum Beispiel für eine Woche Springseile ausgeliehen und sie vollzählig zurückbekommen. Sie lernen es, Verantwortung zu übernehmen und einander zu vertrauen. Unser Vertrauen haben sie. Wir merken aber auch, wie anders sie sind. Das kann man nicht wegdiskutieren. Für mich ist das aber eher ein Reiz als ein Problem.

Welche Reaktionen erleben Sie?

 Alle Flüchtlinge haben ein Bedürfnis nach Sport. Oft haben sie Rückenschmerzen, weil sie wegen Platzmangel so lange liegen und sitzen. Über Lieder und Wörter lernen sie die Sprache; gerade viele Frauen haben sich erst geschämt und dann bewegt beim Frauensport mit Therabändern. Was die Mütter besonders freut, ist, wenn sie sehen, wie ihre Kinder mit anderen Kindern spielen.

Sind Sie eigentlich einfach so in die Unterkünfte gegangen und haben gefragt, ob sie Sport treiben wollen?

Angelika Czaplinski hat mich toll vorbereitet. Wir sitzen oft hier bei ihr im Wohnzimmer und reden über das Thema Integration durch Sport und was wir als TV Fischbek so machen können. Daher war ich vorbereitet. Uns liegt das Thema am Herzen. Ich habe mir aber auch nicht zu viele Gedanken gemacht. Wir unterhalten uns auf Englisch, Deutsch – und mit Händen und Füßen.

Gibt es etwas an den Flüchtlingen, was sie besonders beeindruckt?

Wer sich auf so einen schwierigen Weg gemacht hat, hat wirklich die Bereitschaft, sich zu integrieren. Und dann sind es kleine Begegnungen – ein syrischer Augenarzt hat in St. Petersburg studiert und spricht fast perfekt russisch. Der kann auch mir helfen, denn ich spreche keine arabischen Sprachen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Fragen, ob Flüchtlinge sich einbringen können, ob sie uns helfen können. Das haben sie zuletzt beim Hamburg-Marathon toll gemacht.

 Wie hat Ihre Familie auf Ihr Engagement reagiert?

Ich habe eine große Familie, kenne viele Menschen. Einige haben mich gefragt, ob ich keine Angst vor Krankheiten im Lager habe. Aber ich bin so, dass ich mich eher frage, ob nicht ich jemanden anstecken könnte. Für mich ist es eine Bereicherung, dort zu helfen.

 Wie sind sie als Helfer denn organisiert?

Ganz viel geht über eine What’s app-Gruppe. Da sind wir gut im ganzen Stadtteil vernetzt. Für den ganzen Verein ist Flüchtlingshilfe selbstverständlich. Und wenn wir konkret um Hilfe bitten, etwa nach Sportkleidung fragen, dann kommt auch immer etwas zusammen.

Kennen Sie die anderen Botschafterinnen und Botschafter des HSB?

Wir treffen uns einmal im Monat. Das ist wirklich gut, weil wir uns dann austauschen können. Alle Botschafterinnen und Botschafter haben die gleichen Probleme, so ist die Zusammenarbeit mit den Behörden manchmal schwierig.

Haben Sie die HSB-Module zur Fortbildung „Sport als Integrationshilfe für Flüchtlinge“ durchlaufen?

Noch nicht, aber ich freue mich auf die Weiterbildung, auch, weil ich von Angelika Czaplinski weiß, dass die Fortbildung sehr gut sein soll. Gerade die Bereiche Konfliktlösung und Trauma-Bewältigung interessieren mich.

Bleiben Sie dem Thema Integration durch Sport treu?

Ende des Jahres läuft der Vertrag aus. Ich möchte auf jeden Fall weitermachen.

Das Gespräch führte Frank Heike
Foto: Frank Molter

 

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