Turnerbund Hamburg-Eilbeck

Nikola Tekic beim Judotraining mit den kleinen Vereinsmitgliedern des TH Eilbeck

Ein Treffpunkt aller im jünger werdenden Stadtteil

Mit Laufen, Boxen und Judo will der T.H.-Eilbeck Migranten und Geflüchteten ein sportliches Zuhause bieten

Udo Hein ist ein alter Hase in Sachen Integration, und über manche Dinge kann er nur milde lächeln. Seit über zwei Jahrzehnten im Amt als Geschäftsführer des Turnerbunds Hamburg-Eilbeck (THE), hat er lange dafür gekämpft, dass der Zusatz „Staatsangehörigkeit“ aus den Mitgliedsanträgen gestrichen worden ist. Die Frage nach dem Integrationsbeauftragten im Verein beantwortet er hintersinnig: „Das Ziel unserer Arbeit muss sein, den nicht zu brauchen. Denn dann ist die Integration durch Sport alltäglich geworden. Nichts mehr, woraus man Schlagzeilen machen kann.“ Seit 1990 schon sind die Eilbeker Stützpunktverein im Programm Integration durch Sport beim Hamburger Sportbund (HSB).

Auf keinen Fall will Hein Sonderrechte oder Spezialkurse für Migranten und Geflüchtete; das wiederspricht seinem Verständnis von Teilhabe. Er sagt: „Wir sind ein Quartiersverein in einem Stadtteil, der immer bunter und immer jünger wird. Wir wollen uns um alle kümmern.“ Eine Trennung zwischen der Arbeit mit Geflüchteten und derjenigen mit Migranten will Hein dabei nicht vornehmen. „Wir sind nicht so richtig nah dran an den Unterkünften, aber bei denjenigen in unserer Nähe, etwa in der Hinrichsenstraße, fragen wir immer wieder nach, wen man dort ansprechen kann, um für unsere Angebote zu werben.“ Besonders proaktiv möchte Hein dabei nicht vorgehen: „Die Leute dort sollen sich schlaumachen, dann werden sie uns finden. Denn mit unserem Schwerpunkt auf Kampfsport, Boxen und Judo, bieten wir genau das an, was die Flüchtlinge neben Fußball interessiert. Es sind ja überwiegend männliche Flüchtlinge.“

In der Integration mit Migranten, die schon länger in Hamburg leben, kämpft Hein vor allem um die Familien: „Die müssen wir erwischen, denn ansonsten ist die ganze Familie für uns verloren, wenn das Kind oder der Jugendliche mal austreten sollte.“

Eilbek ist kein sozialer Brennpunkt. Viel roter Backstein, viele junge Leute, Studenten, die hier bezahlbaren Wohnraum gefunden haben. Durch die Nähe zum Hammer Park war und ist die Leichtathletik ein Schwerpunkt des T.H.-Eilbeck; davon haben jüngst drei Geflüchtete aus Eritrea profitiert. Die Langstreckler kamen zur „roadrunner“-Gruppe des THE und sind nun geschätzte Mitglieder. Über Langlauftrainer Carsten Hinz hat Hein auch die traurige Geschichte der drei erfahren; eine lange Flucht durch die Wüste. „Das Elend bekommt so ein Gesicht“, sagt Hein, „da ist etwas gewachsen in der Laufgruppe. Unsere Läufer beschäftigen sich viel mit ihnen, sie helfen ihnen bei Formalitäten oder im Alltag. Wir hoffen nun, dass sie über Mundpropaganda weiter für uns werben“, sagt Hein, der sich auch über einen boxenden Syrer freut, der nun zur 3000 Mitglieder zählenden Gemeinde des THE gehört. Doch einfach nur kommen, ohne bleiben zu können – dem will Hein durch kluges Vereinsmanagement vorbeugen. „Wir fragen die Übungsleiter, wo Kapazitäten sind. Gerade beim Boxen und Judo ist es nicht so leicht, denn dort brauchen wir ausgebildete Trainer. Dort geht es ja auch darum zu lernen, fair zu verlieren.“ Überhaupt hat Hein seine Übungsleiter fest im Blick. „Es gibt im Verein keinen Sozialneid. Das liegt auch daran, dass wir die Arbeit mit Flüchtlingen ganz selbstverständlich nebenbei machen. Wir wollen die Gruppen dabei aber nicht zu groß werden lassen. Wir wollen unsere Übungsleiter nicht verheizen.“

Wer später am Nachmittag beim Judo für die Kleinsten zuschaut, bekommt einen guten Eindruck von der Heterogenität der Gruppen hier im Klub. Acht Kinder zwischen vier und sechs folgen gebannt den Anweisungen ihres Trainers Nikola Tekic. Die Bilder der Eilbeker Judo-Heroen hängen an den Wänden.  Etwa 50 Prozent der Judo-Kinder haben einen osteuropäischen Hintergrund – in diesen Minuten geht es aber weniger darum, woher der andere kommt, sondern wie dieser vermaledeite Judo-Gürtel am Körper bleibt und die Jacke zusammenhält! Trainer Tekic ist ein geduldiger Helfer und legt seine kleinen Sportler danach auch nur ganz sanft auf die Matte. „Gerade die Osteuropäer wissen, was wir hier für Sportangebote haben“, sagt Hein. Durch die neue Bewegungskita direkt am Vereinsgelände erhofft sich Hein neue Impulse für den Verein; natürlich sei sie auch für die Kinder Geflüchteter offen.

Bei der kleinen Führung durch die verschlungen miteinander verbundenen sechs Sportstätten des T.H.-Eilbeck steuert er ein Bild des boxenden Olympiateilnehmers Artem Harutyunyan an. Der Hamburger mit armenischen Wurzeln hat den T.H.-Eilbeck und Deutschland in Rio erfolgreich und sympathisch vertreten; ein besonders gutes Beispiel von Integration durch Sport, findet Udo Hein. Die erhoffte Medaille hat der Halbweltergewichtler zur großen Freude Heins errungen: eine bronzene. Dass Harutyunyan bei öffentlichen Anlässen immer die Jacke mit dem THE-Emblem trägt, gefällt Hein sehr gut.

Vielleicht findet der Vereins-Stolz nach seinen Olympischen Tagen und ein wenig Pause ja die Zeit, ein Showtraining mit interessierten Vereinsmitgliedern zu absolvieren – und mit eingeladenen Geflüchteten. Eine gute Idee, findet Udo Hein. Er will mal drüber nachdenken.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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