SV Lurup

Susanne Otto (li.) und Sevda Puls koordinieren gemeinsam die Integrationsarbeit des SV Lurup

 

In Lurup wächst etwas zusammen

Wer sich in die Arbeit stürzt, bekommt etwas zurück: Beim SV Lurup koordiniert Susanne Otto die Flüchtlingsarbeit

Reza sucht ein Praktikum. Was das mit Susanne Otto zu tun hat? Erst einmal nichts. Aber sie hat den Flüchtling Reza jüngst kennengelernt; er hat sich dann um die Computer in der Geschäftsstelle des SV Lurup gekümmert – und nun, als müsse Susanne Otto einen Beleg liefern, wie eng der Kontakt ist, den die Luruper zu „ihren“ Flüchtlingen pflegen, piepst ihr Smartphone am Ende des Gesprächs wie auf Bestellung: Reza, 32 Jahre alt, tätig in der IT-Branche. Er schreibt ihr auf Englisch und Deutsch, und zwar so: „Ich brauche für Praktikum.“ Susanne Otto rätselt. Könnte heißen, dass er einen Praktikumsplatz sucht. IT - nicht unbedingt ihr Bereich. Aber sie will sich mal Gedanken machen.

Herzlich willkommen in der Flüchtlingsarbeit! Menschen wie Susanne Otto haben schon lange aufgehört, gedanklich zu trennen zwischen dem, was ihren Verein im Inneren ausmacht  – der Sport – und dem, was Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlinge brauchen. Sie sagt: „Ich mache mein ganzes Leben lang Ehrenamt. Ich war sechs Jahre Schöffin, 17 Jahre im Elternrat. Ich habe viele Freunde ausländischer Herkunft. Jetzt wollen wir den Menschen hier helfen. Die Anerkennung, die wir bekommen, ist toll. Die Arbeit macht so viel Spaß – ich gehe da voll drin auf!“ Ihre beiden erwachsenen Söhne fragen schon manchmal, was „Mama“ da so macht, ob es ihr nicht auch mal zu viel werde. Sie lacht. Als Vereinsvorsitzende und Integrationsbeauftragte geht sie einfach dahin, wo die Arbeit ist. So wie gerade eben. Auf ihrem weißen Polohemd mit dem roten SV-Lurup-Emblem heftet noch der Anstecker mit ihrem Vornamen. Sie war in der Unterkunft „Parkplatz grün“ beim Volksparkstadion und hat für die Sportangebote des SV Lurup geworben. Berührungsängste hat sie keine.

Susanne Otto nicht zu mögen, ist ziemlich schwierig. Die Kommunikation sei oft erfrischend simpel, erzählt sie: „Als ein Flüchtling sah, dass ich ein Kreuz am der Halskette trage, sagte er: ,Ich auch Jesus Christus!‘ Ich baue da meinen Tisch mit Flyern auf und wir haben dann eigentlich immer sofort Gesprächsstoff. Ich habe einen Syrer kennengelernt, der nach sechs Monaten schon super Deutsch sprach. Das sind tolle Erfahrungen.“ Eine wertvolle Hilfe bei der Integrationsarbeit ist ihre Multiplikatorin Sevda Puls (siehe Portrait im Botschafter-Teil der Sommerserie).

Schon seit längerem bietet der SV Lurup in guter Zusammenarbeit mit der Erstaufnahme Albert-Einstein-Ring Sport für Flüchtlinge an. Fußball, Tanzen für Frauen, Schach und auch Boxen. In den Jugendräumen der vereinsnahen Auferstehungskirche in Lurup engagieren sich Vereinsmitglieder beim Willkommenscafé. „Durch die Flüchtlinge sind die Institutionen hier im Stadtteil zusammengewachsen“, sagt sie, „vorher hatten wir kaum etwas miteinander zu tun. Wir haben in den Jugendräumen der Kirche mit syrischen Frauen gekocht. Im Stadtteilhaus hatten wir einen Kurs für Frauen mit Migrationshintergrund zum Thema ,Gesund abnehmen mit Sport‘“. Was kleinteilig und unspektakulär klingen mag, ist für Susanne Otto und den SV Lurup ein großer Erfolg.

Manches ist auch mal kompliziert: „Als Flüchtlinge zum Boxen kamen, wollten sie sechs Mann sein, waren dann aber zwölf. Schwierig. Im Fußball sind die meisten Mannschaften ja auch ohne Flüchtlinge voll. Aber was auch passiert, der Umgang ist immer sehr respektvoll.“ Mehr Mitglieder? Susanne Otto sagt: „Das ist nicht unbedingt unser Ziel. Wir wollen den Menschen helfen.“ Meist findet sie eine Lösung. Sie hat vier Freitage lang je vier Stunden beim HSB mehr über Flüchtlinge, ihre Herkunft, ihre Religion, den kulturellen Hintergrund erfahren. Es ging auch um Gewaltprävention und Traumata. Man muss Wissen mit- und Verständnis aufbringen in der Arbeit mit Geflüchteten: „Manche kommen mal nicht und dann wieder doch oder eine Stunde später. Sie leben in den Unterkünften in den Tag hinein und haben keine festen Strukturen, so wie wir sie kennen“, sagt Susanne Otto. Manche Gruppen entstehen und zerbrechen wieder – junge Syrerinnen machten Zumba beim SV Lurup. „Das war super“, sagt Susanne Otto, „aber dann kamen sie nicht mehr.“ Ein Grund, mit der Arbeit nachzulassen war das natürlich nicht.

Nicht nur an die männlichen Flüchtlinge will sich der Stützpunktverein im Programm Integration durch Sport aus dem Hamburger Nordwesten wenden, sondern auch an Kinder und Familien. Ein schwieriger, nächster Schritt. „Wir müssen uns dabei auch konzentrieren, sehen, was wir machen können, was sinnvoll ist. Es gibt jetzt schon ein Überangebot für Flüchtlinge“, sagt sie.

Susanne Otto macht sich immer weiter Gedanken. Schon während des Gesprächs merkt man das. Am nächsten Mittwoch das Schachangebot, dann Boxen am Dienstag und Donnerstag in der Schule Vorhornweg (da wollte sie noch einen Trainer anrufen!), dazu noch Volleyball. „Meine Hoffnung ist, dass wir selbst Übungsleiter aus dem Kreis der Flüchtlinge ausbilden. Ich sage es ihnen immer, dass sie auch Trainer werden können“, sagt Susanne Otto. „Es muss unser Ziel sein, dass sie Verantwortung übernehmen, dass wir durch neue Übungsleiter neue Mannschaften melden können.“

Ein weiches Ziel haben sie und ihre Mitstreiter schon erreicht. „Nach unserem Fest „Begegnung der Kulturen“ hörten wir hinterher von unseren Mitgliedern: Mensch, die sind ja ganz nett!, wenn es um Flüchtlinge geht.“ Beim bisher letzten Mal, am 4. Juni, waren einige Flüchtlinge von neun bis 20 Uhr beim Begegnungsfest des SVL auf der Anlage an der Flurstraße, packten zu, halfen beim Zeltaufbau. Das kam beim SV Lurup natürlich gut an. Obwohl es traditionell viel „Multikulti“ im Verein gibt, ist der Umgang mit Geflüchteten für die meisten eben doch ungewohnt. Für Susanne Otto jedoch längst nicht mehr.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

Position