BFSV Atlantik 97

Mitglieder des BFSV Atlantik beim Gorodki

Ein bisschen Völkerverständigung

Menschen wie Lilija Kempf und Vitali Rommel sind die Motoren des BFSV Atlantik 97 – Integration ist ihre tägliche Arbeit.

Eigentlich heißt Lilli Kempf Lilija. „Das ist auch ein wirklich schöner Name“, sagt sie. Aber als sie 1992 aus Kasachstan nach Hamburg kam, wurde ihr Name eingedeutscht. Plötzlich war sie Lilli. Nicht nur ihr Name veränderte sich. Auch ihr Status. „Wir waren nur die Aussiedlerkinder“, sagt Lilli Kempf. Das fühlte sich oft nicht gut an, aber es war Lilija Kempf auch ein Antriebsmittel, besser zu werden, ihre Wurzeln zu bewahren und das zu tun, was sie heute tut. Ihr Deutsch ist kaum noch hörbar ganz leicht russisch gefärbt, und wenn sie jungen Russinnen oder jetzt jungen Flüchtlingen etwas riete, dann, die deutsche Sprache zu lernen, wenn sie in Deutschland bleiben wollen. „Deutscher, Russe, das spielt in unserem Alltag keine Rolle mehr“, sagt sie und schaut den älteren Vereinsmitgliedern Jakob und Dmitry zu, die auf der selbstgebauten Vereinsanlage in Neu-Allermöhe West Gorodki spielen, dass es nur so scheppert.

Lilli Kempf hat ihre Heimat in Deutschland gefunden, in Hamburg und bei ihrem Verein: BFSV Atlantik 1997. Von Alexander Gaal vor 19 Jahren gegründet, ist der Klub mit den stärksten Sparten Fußball und Volleyball aus der Vereinslandschaft im Hamburger Südosten nicht mehr wegzudenken. Natürlich spielen auch Lilli Kempfs Töchter hier Volleyball; VC Allermöhe im BFSV Atlantik nennt sich die Sparte – auch das ein Bekenntnis zu Hamburg, zum Stadtteil. Ihr Vater ist Trainer in der Fußballjugend, ihr Mann kickt bei den Alten Herren.

Die Zeiten haben sich geändert. Immer noch ist Atlantik 97 die Heimat der Männer aus der ehemaligen Sowjetunion. Zum Gorodki kommen ältere Herren, Spätaussiedler, die sich in Deutschland zumeist wohlfühlen und ihren Nationalsport lieben. Kaum ein Deutscher wird das kraftraubende Wurfspiel auf Hölzer kennen – in Weißrussland gibt es sogar eine Profiliga. „Die Wurzeln, die wir haben, wollen wir bewahren“, sagt Lilli Kempf, „aber wir schauen auch nach vorn.“ Sie ist 35 Jahre alt und arbeitet in Horn als Bibliotheksangestellte. Während man auf der Gorodki-Bahn unter sich ist (aber deutsch spricht), mischen sich die Nationalitäten beim Volleyball und Fußball. „Im Volleyball haben wir durch den Aufstieg in die Landesliga neue Spielerinnen angezogen, die sich bei uns sehr wohl fühlen“, sagt Lilli Kempf, „wir haben gute Trainer, die Rahmenbedingungen stimmen.“ Im Fußball, berichtet der Vereinsvorsitzende Vitali Rommel, habe er früher oft den Satz gehört: „Zu den Russen wollen wir nicht.“ In seiner D-Jugend spielen inzwischen fünf Nationen, und als ihr Trainer unterscheidet der 29 Jahre alte Ingenieur mit kasachischen Wurzeln nicht nach Herkunft oder Aussehen. „Etwa die Hälfte sind Spätaussiedlerkinder“, sagt er.

Geht es nach Kempf und Rommel, sollte sich Atlantik 97 noch offener, noch offensiver darstellen. „Wir müssen die Leute im Stadtteil bekommen, die sonst zu scheu sind“, sagt Lilli Kempf, „hier bei uns findet Integration durch Sport wirklich statt. Wir müssen raus gehen, es bewerben, uns zeigen. Und sie dann reinholen.“ Die Beiträge sind wirklich gering. Lilli und Vitali scherzen ein bisschen. „Wir sind die guten Russen, könnte unser Slogan sein“, sagt Vitali Rommel lachend. „Oder: Wir sind die Netten!“, entgegnet Lilli Kempf. Die beiden bringen eine Leichtigkeit ins oft verkrampfte deutsch-russische Verhältnis. Erfreulich. Rommel sagt: „Ich fühle mich nicht als Deutscher, nicht als Russe. Sondern als Mensch.“

Dabei weitet sich ihr Blick. Flüchtlinge? Beide nicken. Vitali Rommel sagt: „Wir sind so wenige, wir hatten genug mit unseren Leuten zu tun.“ Lilli Kempf meint: „Wir müssen uns in das Thema einarbeiten. Dieses Jahr schaut alles auf die Flüchtlinge. Aber die Arbeit mit ihnen wird bleiben. Wir wollen mit den hier entstehenden Einrichtungen kooperieren und dann ein Volleyballturnier anbieten.“ Das wäre ein Anfang. Im nahen Gymnasium Allermöhe trainiert sie zusammen mit Niels Pape, dem Abteilungsleiter bei Atlantik, 50 Kinder im Volleyball. Oft fehlt der Raum, um mehr zu machen, nicht einmal Vereinsräume hat Atlantik: „Wir können keine neuen Angebote stricken, wenn wir keine Plätze und Hallen haben“, sagt sie. „Aber das, was wir machen, machen wir effektiv und auf unsere Leute zugeschnitten. Und damit sind wir zufrieden.“ Und schiebt mit Sinn für Humor nach: „Wir wollen hier kein Imperium aufbauen.“

Während die Sonne untergegangen ist über Neu-Allermöhe West, sind immer neue Gorodki-Spieler auf die Bahn gekommen. Sie wärmen sich auf, räumen die aufgeschichteten Holz-Häufchen ab, klatschen, jubeln. Eine angenehme, freundliche Atmosphäre. Lilli Kempf hat sich warmgeredet. „Wir haben drei große Ziele“, sagt die kleine, energische Frau mit den schönen Augen, „wir wollen noch mehr Leute ins Ehrenamt bekommen, wir wollen unser Image weiter verbessern, und wir wollen die Rahmenbedingungen unseres Vereins optimieren. Dabei wollen wir unsere Werte positiv weitertransportieren.“ Wenn ein bisschen Völkerverständigung hinzukommt – umso besser. Lilija Kempf nickt zufrieden und verabschiedet sich. Sie muss los, die beiden Töchter warten.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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