SV Nettelnburg/Allermöhe

Die Flüchtlingsmannschaft des SV N/A beim Training

Jeder darf sich willkommen fühlen

Beim SV Nettelnburg/Allermöhe kennt man die Integration Fremder seit vielen Jahren. Ob Migranten oder Flüchtlinge, macht da keinen Unterschied.

Das Gespräch beginnt mit einem Missverständnis. Sein Lieblingsspieler? „Fahrradfahren!“, sagt Luel Gebremedhin fröhlich. Er ist 17 Jahre alt und seit einem Jahr und zwei Monaten in Deutschland, geflohen aus Eritrea. Luel geht hier zur Schule, spricht gut Deutsch, und vor allem spielt er sehr gut Fußball im rechten Mittelfeld: hart ist er, mit Zug zum Tor. Sein Lieblingsspieler heißt Christiano Ronaldo, aber Radfahren mag er so gern, dass das als Antwort auf fast jede gestellte Frage zu passen scheint. Jetzt flitzt Luel in dem grünschwarzen Trikot des SV Nettelnburg/Allermöhe aber schnell wieder auf den staubtrockenen Grandplatz. Zurück zum Training, jede Minute ist kostbar. „Sie würden am liebsten jeden Tag Fußball spielen“, sagt Trainer Frank Erdmann über „seine“ Flüchtlinge beim SVNA.

Bis zu 70 Spieler aus den umliegenden und entfernten Unterkünften haben hier schon gegen den Ball getreten, 25 sind in bestehende Mannschaften integriert. Das ist auch der Wunsch Gerald Grassés. Der Fußball-Abteilungsleiter möchte keine reinen Flüchtlingsmannschaften. Nach vier bis acht Wochen im Montagstraining versuchen die Macher hier, sie in die Mannschaften zu integrieren. Zusammen mit dem Botschafter des Sports im SVNA, Valentin Azi, und Trainer Erdmann kümmert sich Grassé um die Flüchtlingsmannschaft. Eritreer, Syrer, Iraker, Afghanen und andere sind dabei. „Keiner ist bisher negativ aufgefallen“, sagt Grassé, dem etwas anderes imponiert hat: „Nach vier Wochen hier beim Fußball brauchten sie keinen Dolmetscher mehr. Sie konnten kleine Gespräche auf Deutsch führen.“ Trainer Erdmann stimmt ihm zu: „Ich habe vorher nie eine Mannschaft trainiert und habe mir tausend Gedanken gemacht, was hier zu tun sein würde. Inzwischen weiß ich: Ich muss nichts machen, außer ihr Trainer zu sein.“ Wäre mehr als ein Training pro Woche wünschenswert? Flüchtlings-Koordinator Valentin Azi sagt: „Das reicht. Sie haben genug zu tun. Sie lernen sich hier auch besser kennen.“ Wie auf Bestellung reicht Luel einem Gegenspieler die Hand zum aufstehen, nachdem er ihn bei einem stürmischen Angriff auf den harten Grand geschickt hat.

Beim 2200 Mitglieder starken SVNA helfen sie, ohne viel drüber zu reden – eine Haltung, die einem bei vielen Hamburger Sportvereinen begegnet. Sich formal fremden Menschen zuzuwenden, ist den Nettelnburgern dabei längst zur Gewohnheit geworden. Es ist ein bunter Stadtteil im Hamburger Südosten, viele Nationen sind hier zuhause. „Wir setzen uns seit dem Ende des Eisernen Vorhangs 1991 mit dem Thema auseinander“, sagt Sven-Eric Behn von der Geschäftsstelle des SVNA, „es ist für uns nicht neu, etwas mit Menschen zu machen, die woanders herkommen. Wir machen jetzt immer noch das Gleiche, nämlich Sport für die Menschen, die hier leben. Die Menschen mit Migrationshintergrund und jetzt die Flüchtlinge verändern den Stadtteil, aber auch unseren Blick auf sie. Das wird sich nicht ändern, so lange es Zuzug gibt.“ Er sagt: „Wir unterscheiden jetzt auch nicht zwischen normalen Migranten und geflüchteten Migranten“. Behn bilanziert das mit Gelassenheit. Die Akzeptanz der Mitglieder beim Thema Integration bezeichnet er als gut, negative Stimmen gebe es keine. Valentin Azi nickt.

Es scheint Behn und seinen Verein nicht zu überfordern, jetzt auch noch mit Asylsuchenden etwa aus der Unterkunft Billwerder Billdeich umzugehen. Viele sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.  Im Umgang mit ihnen ist ein Betreuer wie Valentin Azi ein Glücksfall. Mit Freude, direkter Ansprache und natürlicher Autorität behandelt der 42 Jahre alte Familienvater „seine“ Flüchtlinge, Fahrservice von und zur S-Bahn Bergedorf inklusive. „Valentin ist für uns auch ein Aushängeschild“, sagt Sven-Eric Behn.

Ende 2014 sei das Thema Flüchtlinge aufgepoppt, erzählt Behn. Anfang 2015 dann holte der SVNA Flüchtlinge aus drei Einrichtungen mit Bussen ab und organisierte in einer Dreifeldhalle ein Begrüßungsfest mit allem möglichen, Ballspiele und Essen inklusive. „Wir hatten da schon unseren Ansatz, die Flüchtlinge bei uns reinzuholen, statt sie in eigene Mannschaften zu stecken“, sagt Behn, der drei Hauptschwierigkeiten in der Arbeit mit ihnen ausgemacht hat: Ansprache, also wie erreicht und informiert man sie, Aktivierung, also wie motiviert man sie zu kommen, und drittens Kontinuität – also wie vermittelt man ihnen Stetigkeit. Schnelle Antworten auf diese drängenden Fragen haben sie beim SVNA auch nicht gefunden. Es ist ein Prozess, einer, der auf Jahre angelegt ist. Wichtig ist die Steuerung. „Es macht keinen Sinn, acht Zwölfjährige zu haben“, sagt Behn, denn die eigenen Mannschaften sind schon voll genug. Behn ist ein besonders Talentierter ebenso lieb, wie allen anderen: „Für jeden gilt: wir müssen erst eine geeignete Gruppe finden.“

Auch die Zusammenarbeit mit dem HSB fußt auf Langjährigkeit. „Wir haben 1997 als Stützpunktverein mit dem Thema Integration angefangen und ein Mitternachtssportangebot im Stadtteil aufgelegt“, sagt Behn, „der HSB war von Anfang an dabei.“ Und so wie die Zusammenarbeit mit Schulen und sozialen Einrichtungen im Viertel zur täglichen Vereinsarbeit zählt, ist inzwischen der gute Draht zu den Flüchtlingsunterkünften hinzugekommen. Viele Mitgliedschaften werden über die Aktion „Kids in die Clubs“ der Hamburger Sportjugend bezahlt. Es gibt Mitgliedspatenschaften und den Fonds der „Bergedorfer für Völkerverständigung“; das Geld kann für Mitgliedschaften abgerufen werden.  

Mehrfach hat der SVNA bundesweit Aufsehen erregt und schon einige Preise des DFB für seine haupt- und ehrenamtliche Integrationsarbeit eingesammelt; zuletzt erst wieder im März 2016. Beendet ist die Arbeit in diesem weiten Feld nie. Gern böte der SVNA Schwimmkurse an. Die wenigsten Flüchtlinge können schwimmen. Und gerade in diesem Sommer gab es viele traurige Nachrichten ertrunkener Flüchtlinge. Doch sei es schwer bis unmöglich, Schwimmzeiten in Bergedorf oder Hamburg zu bekommen, klagt Behn.

Unterdessen neigt sich das Training der Flüchtlingsmannschaft am Montagabend dem Ende zu. Luel Gebremedhin schwitzt. Er mag es, sich auszupowern. Dazu hatte er auch vergangene Woche Gelegenheit – Gasttraining in der zweiten A-Jugend des SVNA. Da hat ihm der Kopf geraucht, so anstrengend war es, den taktischen Anweisungen des Trainers zu folgen. Auch ihm verlangt es viel ab, sich in die deutsche Gesellschaft einzupassen.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

Position