1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg

Die Vorsitzende Cordula Radtke im Kreis der E-Mädchen

Fußball baut Brücken

Beim 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg spielen viele Nationen Mädchen- und Frauenfußball. Flüchtlinge sind herzlich willkommen.

Es ist der ganz normale Wahnsinn an einem ganz normalen Mittwoch. Die E-Mädchen des 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg  haben gleich ihr Punktspiel gegen den FC Süderelbe, aber das Warmmachen stockt an diesem ohnehin heißen Abend: Die eine hat Durst, die andere will schießen, nicht laufen und alle zusammen finden es spannend, dass ein Fotograf mit komischen Apparaturen da ist. Dementsprechend abgelenkt sind sie. „Mädels, legt mal los!“, ruft Cordula Radtke und klatscht in die Hände.

Als es einigermaßen läuft in der Präparation auf die Partie und der Rotgrand nur so staubt, kommt  Bilkis vorbei. Die Elfjährige guckt so unglücklich, dass man sie sofort in den Arm nehmen möchte. Ihre Fußball-Schuhe sind zu klein. Obwohl sie nicht einmal Socken trägt. Das sieht man auch. Sie humpelt. „Bilkis, beweg dich irgendwie vorsichtig, versuch nicht dran zu denken“, rät Cordula Radtke, „wir gucken, ob wir beim nächsten Mal passende für dich haben. Ich bringe Freitag die Kiste mit, dann gucken wir, ob Neue da sind.“ Tapfer stolpert Bilkis zum Training der D-Juniorinnen, das etwas weiter hinten auf dem Grandplatz am Perlstieg von Cordula Radtkes Mann Trygve geleitet wird.

Neue Fußballschuhe sind nicht für jede Familie hier in Wilhelmsburg eine selbstverständliche Nebensache, und im Vereins-Fundus aus Spenden und Abgelegtem ist auch nicht immer das Richtige dabei. Die warmen Worte der Trainerin haben Bilkis aber auf jeden Fall gut getan.

Ein paar Mal noch unterbricht Cordula Radtke das Gespräch. Sie muss in den Kabinen nach dem Rechten schauen, den Gastverein begrüßen, prüfen, ob die Schiedsrichterin da ist. Schließlich braucht Isabell Kasch, die 16 Jahre alte Trainerin der E-Juniorinnen, ein bisschen Unterstützung in der Spielvorbereitung. Für ein Lob der kleinen Spielerinnen hat Radtke auch noch Zeit: „Super Ceylan, nur auch wieder die Hände hochnehmen!“, ruft sie der Torfrau nach einer gelungenen Aktion zu.

Man nennt das wohl Mädchen für alles, besser wäre noch Mutter für alles. „Willkommen bei Freundinnen“, steht auf Schildern am Sportplatzeingang. Wenn die Erste Vorsitzende von ihrer Arbeit in diesem prämierten und medial vielbeachteten Stützpunktverein des HSB im Programm „Integration durch Sport“ erzählt (seit 2010), klingt alles ganz simpel und zwangsläufig. Auch, warum sie hier mitten in Hamburgs Süden so unzweifelhaft Sächsisch plaudert. „Ich bin von Dresden nach Rostock gezogen und dann mit meinen beiden Töchtern im August 2002 weiter nach Hamburg. Den Verein haben wir 2006 gegründet, damit Frauen und Mädchen gleichberechtigt, ohne sich dem männlichen Fußball unterordnen zu müssen und unabhängig von Herkunft und Sozialstatus Fußball spielen können“, sagt sie.

Nun haben sie im 134 Mitglieder starken 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg mit seinen sechs Mannschaften im Spielbetrieb etwas gefunden, dass sie ausfüllt, anstrengt und oft genug glücklich macht. Dass der Klub mehr aktive Schiedsrichterinnen als gemeldet Teams hat, freut Cordula Radtke; so leitet die 16 Jahre alte Judith Reiprich später das Spiel der E-Juniorinnen. Anderes ist weniger schön: „Wenn eine mühsam ausgebildete Spielerin nach den Ferien nicht wiederkommt, weil sie plötzlich Taekwondo macht.“

Besonders ist das ganze schon, denn der 1. FFC Elbinsel widmet sich einem Sport, den Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund eigentlich kaum ausüben. Verblüffend ist dabei die Gelassenheit, mit der die Verantwortlichen des Vereins Situationen begegnen, die sich an anderer Stelle zu gesellschaftspolitischen Streitthemen ausgewachsen haben. „Wir hatten Mädchen, die mit Kopftuch gespielt haben. Das ist unter den Mädchen und für uns kein Problem“, sagt Trygve Radtke. Und? Nichts und. „Probleme hat es eher mit den Eltern gegeben, die es nicht so gern sahen, dass ihre Töchter Fußball spielen“, antwortet er.

Der Verein mit seinen Ehrenamtlern ist zu einem erfolgreichen und stadtteilbekannten Netzwerker geworden. Er engagiert sich in vielen Netzwerken im Sport, der Bildung, in der Flüchtlingsarbeit, der Gewaltprävention, der Stadtteilentwicklung. Cordula Radtke selbst ist Mitglied des Integrationsbeirates im Bezirk Hamburg-Mitte. Beim Willkommensfest „Sport und Spaß mit neuen Nachbarn“ am 11. September war der Verein Mitinitiator, beim Sommerfest in der Unterkunft Dratelnstraße war man dabei, in der Folgeunterkunft Schlenzigstraße warb er mit Flyern für ihr Angebot. Dass Mädchen in ihren Unterkünften abgeholt und wieder hingebracht werden, ist schon selbstverständlich für die engagierten Ehrenamtler. Längst ist die Integration Alltag – bei den B-Mädchen spielt ein Flüchtlingskind aus Syrien, bei den Frauen spielen zwei Asylsuchende und zwei Neue haben gerade reingeschnuppert. Die Mehrheit aus dem Team der E-Juniorinnen ist in Hamburg geboren, die Eltern kommen aus der Türkei, Ghana, Nigeria, Iran, Kosovo und Deutschland. „Unser Motto ist: Fußball baut Brücken“, sagt Cordula Radtke. Entstanden ist der Slogan auch in Anlehnung an den Stadtteil mit seinen vielen Brücken. Dass sie im eigenen Klub die wertvollsten Multiplikatorinnen hat, weiß sie. Weil einige Mädchen die Sprachen der Flüchtlinge sprechen, ist die Anbahnung manchmal leichter.

Groß umstellen will sich beim 1. FFC Elbinsel niemand für die Flüchtlinge. „Wir machen mit ihnen nichts anders als mit unseren Mädels“, sagt Cordula Radtke, „hier nutzen wir unsere fast zehnjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Migrantinnen. Es geht uns um Nachhaltigkeit in der Flüchtlingsarbeit, nicht um Einzelaktionen, denn nur so ist langfristig Teilhabe möglich, auch über das sportliche hinaus.“ Und ganz schnell gibt es die ganz alltäglichen Schwierigkeiten. „Berührungsängste sehen wir keine“, meint Trainerin Sonja Schmans, „aber kleine Zickereien gibt es schon, wenn eine der Stammspielerinnen denkt, eine Neue nähme ihr den Platz weg.“ Man nennt das Konkurrenzkampf.

Zum Glück gibt es hier Menschen, die ihn moderieren. „Wir haben die lange Leine, aber irgendwann ist Schluss“, sagt Cordula Radtke, „dauerhafte Disziplinlosigkeiten wollen wir nicht. Aber wir sind schon sehr geduldig. Oft sind wir als Trainerinnen und Sozialarbeiterinnen in einer Person unterwegs.“ Dazu gehört auch Trinkpausen zu verordnen, so wie an diesem heißen Spätsommerabend auf der Anlage am Perlstieg. Süße Limos kommen Cordula Radtke dabei nicht in die Tüte. Brav trinken alle Mädchen aus ihren Wasserflaschen. Das Spiel gewinnen sie später 3:2.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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