Sport ohne Grenzen

Jan Fischer (Geschäftsführer Sport ohne Grenzen) vor der Inselparkhalle – Heimspielstätte der Hamburg Towers

Beendet ist hier noch gar nichts

Dem Verein Sport ohne Grenzen geht die Arbeit nie aus. Im wachsenden Stadtteil Wilhelmsburg sieht der Vorsitzende Jan Fischer unzählige Möglichkeiten der Integration.

An Tagen wie diesen ist der Inselpark eine Attraktion. Sonnenstrahlen streichen über das weitläufige Gelände, die Wolken ziehen in spektakulärer Parade am Himmel über Wilhelmsburg entlang. Jan Fischer streift sich eben noch eine Jacke über und schlendert aus dem modernen Bürogebäude, das den Verein Sport ohne Grenzen beheimatet. Fischer kommt aus Wedel, hat in Altona gewohnt und möchte nun gar nicht mehr wegziehen aus Wilhelmsburg.

Fünf Jahre hat er sich als Geschäftsführer gemeinsam mit dem ehemaligen Basketball-Nationalspieler Marvin Willoughby ausschließlich um die Geschicke dieses Stützpunktvereins des HSB im Programm „Integration durch Sport“ gekümmert; seit 2011 ist die Arbeit für den Basketballverein Hamburg Towers hinzugekommen. Fischer ist also ein vielbeschäftigter Mann – mit großer  Energie. Er wirkt, als könne er sich 24/7 mit seiner Sportoffensive Wilhelmsburg beschäftigen.

Was vor zehn Jahren als Projektarbeit mit Ferienangeboten und Camps begann – SOG wollte ganz simpel Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund aus dem Hamburger Süden zum organisierten Sport bringen –, hat sich zu einer Vielzahl von Kursen gemausert, in denen Fischer und seine Mitstreiter Kinder und Jugendliche verschiedener Herkunft aus unterschiedlichen Stadtteilen zum gemeinsamen Sporttreiben bringen. Und ihnen etwas Sinnvolles fürs Leben mitgeben. Vor allem auch solchen Menschen, die vorher nie mit dem Vereinssport in Berührung gekommen sind.

Es begann mit einer Tanzgruppe für Zwölf- bis 17-Jährige, „Mädels aus dem Stadtteil“, wie Fischer sagt. Eine integrative Ballsportgruppe für die Jüngeren von sechs bis zehn kam hinzu. Zusammen sind das etwa 100 Kinder und Jugendliche.

Inzwischen haben die Projekte von SOG einen sehr guten Namen, auch, weil manches eben etwas leichter ist, wenn man ein beliebtes Basketballteam im Rücken hat. „Wir machen viele gute Projekte auch über die Möglichkeiten der Towers“, sagt Fischer. Mehr noch. An diesem Nachmittag trifft sich beispielsweise die Krabbelgruppe in der Blumenhalle, und nebenbei setzt Profi Mario Blessing ein paar Würfe Richtung Korb – allerdings weitgehend unbemerkt von den Müttern. Und den Kindern sowieso.

Trotz einer gewissen Prominenz machen Fischer und seine Kollegen weiter Werbung, in Schulen, Jugendtreffs und inzwischen auch in Flüchtlingsunterkünften. Besonders gut kam es an, dass die Towers pro Zweitligaspiel der vergangenen Saison 50 bis 100 Geflohene einluden. Fischer kennt den Betreuer einiger Flüchtlinge, Methin, und über den „kurzen Dienstweg“ verschaffte er ihnen Tickets. Inzwischen hat SOG eine Basketballgruppe für Flüchtlinge eingerichtet. Sie scheint sehr beliebt zu sein und wird gut besucht, etwa 15 Personen pro Training, 30 bis 40 verschiedene Menschen mögen es 2016 bisher gewesen sein, genau weiß Fischer das nicht. „Dass sie gern wiedergekommen sind, zeigt mir, dass Interesse besteht“, sagt er. Er ist jemand, der aus guten Aktionen keine große Sache macht.

Durch die Internationale Gartenschau (igs) und den daraus entstandenen Inselpark hat Sport ohne Grenzen attraktive Anlagen in der Benutzung, die die Arbeit enorm erleichtern. Die Blumenhalle, seit 2013 Heimspielstätte der Towers, und die umliegende Parklandschaft mit ihren weitläufigen Skateboard-, Beachvolleyball- und Basketballplätzen sind Kleinode des Sports. Fischer, der ganz in der Nähe wohnt, staunt oft, was durch ganz einfache Verbesserungen geschehen kann: „Der Basketballplatz hat Flutlicht und ist kostenfrei. Das führt dazu, dass hier bis Mitternacht und später gezockt wird. Ich staune manchmal, wenn ich aus dem Fenster schaue, wie viele Leute sich diesen Platz teilen.“ Aus seiner Sicht ist das Erbe der igs großartig. Auch Asylsuchende aus nahen Unterkünften wie der Dratelnstraße begreifen die Plätze mit Freude als Möglichkeit der kostenfreien sportlichen Betätigung.

Längst ist die Flüchtlingsarbeit als Vereinsaufgabe hinzugekommen. Jan Fischer war froh und stolz, als er in Yasher Mokhtari, dessen Familie aus Iran stammt,  einen Trainer gefunden hatte, der in die Unterkünfte ging und dort eine Sport-Gruppe aufbaute. Leider ist Mokhtari erkrankt. Fischer bedauert das sehr. Er sagt: „Es ist sehr schwer, den passenden Übungsleiter zu finden. Das ist unsere größte Herausforderung als Verein. Yasher hat das toll gemacht.“ Etwas speziell sei die Arbeit mit Asylsuchenden zunächst schon, betont Fischer: „Die Ansprache ist anders. Wir müssen uns fragen, wie wir sie erreichen, und wie das Angebot für sie aussehen soll. Es sind Menschen wie du und ich, aber in einer besonderen Lebenssituation. Vieles ist für sie gewöhnungsbedürftig in einem bunten Stadtteil wie Wilhelmsburg. Aber nach einem bis zwei Monaten sind die Unterschiede nicht mehr so groß, und für uns geht es wieder um das Gleiche: Wir müssen einen langen Atem haben und am Ball bleiben, um Begeisterung zu erzeugen.“

Enorm hilfreich in der Flüchtlingsarbeit sind Nika Heidari, ein Vereinsmitglied mit iranischen Wurzeln, die sich ehramtlich um die Flüchtlinge kümmert. Auch Drita Genjac aus dem Wilhelmsburger Haus der Jugend engagiert sich bei den SOG-Projekten. Fischer braucht Hilfe, er braucht die Netzwerke des Stadtteils, denn sein Team  ist klein. Halte man die laufenden Projekte am Leben, sei man schon eingebunden genug, sagt er – und ihm ist anzumerken, dass er gern mehr täte: „Wir bauen gerade eine Kickboxgruppe auf. Wir wollen in unseren Gruppen einen Mix aus Geflüchteten und Wilhelmsburgern hinbekommen.“

Auch die Wohngemeinschaft in der zweiten und dritten Etage des Hauses, in dem sein Büro ist, spukt in seinem Kopf herum. Dort leben vierzehn bis zwanzig Minderjährige: betreutes Wohnen, die  Grone-Schulen sind der Träger. Fischer sagt: „Auch da sind ein paar Jungs dabei, die wir gern zum Sport einladen würden.“ Manches steht im Konjunktiv bei SOG; Fischer steckt voller Ideen. „Wir wollen einfach noch mehr Menschen im Stadtteil mit gemischten Sportangeboten erreichen“, sagt er. „Aber wir haben die ersten Jahre nur Projektarbeit gemacht und haben einfach nicht die Strukturen wie Vereine, die seit 50 Jahren Integrationsarbeit machen.“

Mit Blick auf die frei spielenden Basketballer auf dem beleuchteten Gummiplatz kommt Fischer gleich wieder ins Grübeln. Wie könnte man ihr Sporttreiben in das Angebot von Sport ohne Grenzen integrieren?

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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