Hamburger Volleyballverband

André Thurm und Jugendliche beim Training des integrativen Projekts „Beach-In-Motion“

Begeisterung für einen „fremden“ Sport entfachen

Das HVbV-Projekt „Beach-In- Motion“ will möglichst viele Schüler zum Volleyball und Beachvolleyball bringen

Der Ehrgeiz ist André Thurm anzumerken. Ganz ruhig, ganz konzentriert und sehr klar korrigiert er seine Mädchen oder besser: er gibt ihnen Verbesserungsvorschläge an die Hand. Es geht ihm zunächst weniger um technische Kleinigkeiten beim Baggern, Pritschen und Schmettern – jeder sieht, dass die Mädchen (und ein Junge) aus der dritten und vierten Klasse nicht jeden Schlag gezielt und sauber ausführen. Dem 30 Jahre alten Trainer schwebt vor, dass Spielfluss entsteht, dass etwa beim Spiel zwei gegen zwei über das Volleyballnetz nicht die beiden besten Freundinnen auf einer Seite stehen – dann aber so gut sind, dass die Mädchen gegenüber keine Chance haben und so der Fluss ausbleibt. Manchmal gibt er auch einen kleinen, simplen Tipp: „Guckt immer, dass ihr unter dem Ball steht.“ Oder: „Die Finger offen und den Ball nach oben.“

Es ist ein diesiger Nachmittag im Herbst. Vor der Stadteilschule im Stellinger Brehmweg treffen sich Eltern auf dem Weg zum Elternabend. Drinnen, in der Sporthalle, trainiert André Thurms gemischte Gruppe von GW Eimsbüttel auf zwei Feldern der Dreifeldhalle. „Es ist keine Nachmittagsbetreuung“, sagt Thurm, und das ist ihm wichtig, „dann hätte ich keine Lust dazu. Es ist reguläres Training. Wir sind im Punktspielbetrieb.“

Doch Thurms Mannschaft ist mehr als das, denn sie ist gleichzeitig Teil eines integrativen Projekts. Der Hamburger Volleyballverband (HVbV) startete 2014 seine „Beach-In-Motion“ genannte Aktion. „Wir wollten neun bis zwölf Jahre alte Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Lebenslagen zum Volleyball bringen“, sagt Dr. Bettina Wollesen, Sportwissenschaftlerin und stellvertretende Verbandsvorsitzende, „dafür haben wir Stadtteile mit hohem Migrationshintergrund und hoher Kinderdichte identifiziert, um geeignete Vereine zu finden, die mitmachen.“ Inzwischen läuft die Zusammenarbeit mit drei Klubs. Im Stadtteil Hamm/Horn ist es die HT16, die teilnimmt. Hier gibt es schon bestehende Projekte in Beach- und Hallenvolleyball. In Eimsbüttel ist es der Verein Grün-Weiß und in Harburg der FSV Harburg-Rönneburg.

André Thurms Gruppe kommt aus den Jahrgängen 2005 und 2006 und ist seit einem Jahr dabei, wobei immer neue Kinder hinzukommen und manche abwandern. Er hat sich zu Schuljahresbeginn aufgemacht, in den drei Eimsbütteler Lehreinrichtungen Brehmweg, Vizelinstraße und Lutterothstraße für sein Angebot zu werben. Es begann mit einem Probetraining; wer Spaß, Lust und auch Talent hatte, durfte danach zu GWE kommen und bei ihm mitmachen – draußen, auf der Beachvolleyballanlage „GWE-Strand“ an der Julius-Vosseler-Straße und jetzt eben drinnen, zwei Mal in der Woche. „Der Start ist immer Beachvolleyball. Dort spielen wir zwei gegen zwei. Man sieht natürlich sofort, wer talentiert ist. Dabei ist es nicht ganz einfach, sie für Volleyball zu begeistern. Jungs spielen eben einfach meistens Fußball, und sportliche Mädchen in dem Alter sind noch nicht festgelegt“, erklärt der Trainer. Ihm kommt es auf Stetigkeit an: „Die Hälfte kommt zweimal wöchentlich, viele leider nur einmal oder ganz unregelmäßig. Für mich war es eine Grundvoraussetzung, mitzumachen, dass wir zweimal die Woche in der Halle trainieren können.“ Die fehlende Stetigkeit gefällt André Thurm natürlich weniger. Aber er kann es nicht ändern. Dass seine Mannschaft gern Volleyball spielt, das sieht man indes – auch wenn natürlich nicht alles klappt. Ziel des Projekts ist es auch, die neu zusammengestellten Mannschaften aus dem Breitensport in den Wettkampfsport zu überführen und ihnen die Möglichkeit zu geben, an Spiel- und Wettkampfserien teilzunehmen. 

Im Austausch mit den anderen Trainern des Projekts und mit Bettina Wollesen erfährt Thurm, was gut läuft und was nicht. So gibt es in Harburg beispielsweise Schwierigkeiten, Hallenzeiten zu finden, so dass das Projekt dort noch Anlaufschwierigkeiten hat. Thurm ist es ziemlich gleichgültig, aus welchem sozialen Umfeld seine Spielerinnen und Spieler kommen und wo sie geboren sind oder ihre Eltern herkommen. Er sagt: „Es wird ja immer unterstellt, dass sozial schwache Schichten kein Volleyball spielen.“ Man merkt ihm an, dass er vor allem jede und jeden Einzelnen verbessern möchte.

Beim HT16 mit Abteilungsleiter Oliver Camp läuft „Beach-In-Motion“ sehr gut. Sogar der ehemalige deutsche Beachvolleyballmeister Mischa Urbatzka schaute mal beim Projekt vorbei und trainierte die Kinder. Beim traditionsreichen Verein im Hamburger Osten hat man nun neben der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Rahmen von „Beach-In-Motion“ auch das Thema Flüchtlinge im Blick, speziell unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Am 9. Oktober startete das Team „One International“ der Volleyballabteilung der HT16 im Jugend-Spielbetrieb des HVbV. Etwa ein Dutzend Jugendliche aus unterschiedlichen Unterkünften trainierten seit August gemeinsam, um als Gruppe in der Jugendliga 1 am Spielbetrieb teilzunehmen. Geleitet wird das Team von einem ehemaligen Jugendspieler der HT16, ältere Jugendliche ohne Migrationserfahrung unterstützen ihn. Auch hier ging es den Machern wie bei „Beach-In-Motion“ darum, zu zeigen, dass Volleyball und Beachvolleyball ein toller Sport für Kinder und Jugendliche ist – gleichgültig welcher Herkunft.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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