BC Hanseat

BC Hanseat wurde in diesem Jahr mit seinem integrativen Flüchtlingsprojekt zum Sieger der „Sterne des Sports“ gewählt 

„Ich kriege sie alle müde“

Durchboxen und ankommen: Eine Schule für das Leben geflüchteter Menschen bietet der BC Hanseat mit Trainer Hussein Ismail

Diese boxtypische Höflichkeit ist immer wieder verblüffend. Begrüßen, entschuldigen, verabschieden – als sauge das jeder Faustkämpfer mit der Muttermilch auf. Das Händeschütteln, dazu die eine Hand auf den Unterarm des Gegenübers gelegt und eine kleine, angedeutete Verbeugung: Man ist höflich, zuvorkommend, fast demütig, wenn Gäste kommen wie an diesem Abend. Das sei ganz normal, sagt Hussein Ismail. Etwa anderes kommt ihm auch nicht ins Haus. Die Strenge, vermischt mit Herzlichkeit, der Sinn dafür, auch ein paar ältere Männer zuschauen zu lassen, die nicht stören, weil sie irgendwie immer schon da waren. Und immer wiederkommen: Das ist Boxen. Erst Recht hier.

Hamburg-St. Pauli, Seilerstraße, eine niedrige Turnhalle im Hinterhof, nur einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt. Drinnen hängt der Schweiß von 1000 Faustkämpfen. Dann drei Ansagen, kurz und genau: „Schattenboxen!“, „Tanzen!“, „Abbauen!“.  Boxtrainer Ismail ist hier der Chef. Ganz klar. Alle hören auf den Vereinsgründer des BC Hanseat. Mit seiner Aktion „Durchboxen und Ankommen“ haben sich der Klub und er einen Namen gemacht. Sie waren beim bedeutenden Preis für Breitensport „Sterne des Sports“ schon mehrfach unter den prämierten Vereinen.

Der Start der Erfolgsgeschichte war dabei simpel. Ab Oktober 2015 sind Vereinsgründer Ismail und andere aus dem Klub in verschiedene Unterkünfte gegangen und haben für ihr Angebot geworben, berichtet der rührige Vereinssprecher Michael Augustin, im Hauptberuf NDR-Reporter und bekannt durch Einsätze aus Hannover und Wolfsburg in der samstäglichen Fußball-Stadionshow. Inzwischen trainieren hier 30 bis 35 Flüchtlinge aus Hamburg und Umgebung seit November 2015 mehrmals die Woche. Die Stetigkeit ist beeindruckend – und auch die Mithilfe: Immer nach den Boxern kommen die Altherren-Tischtennisspieler des FC St. Pauli in die Halle. Sie haben dem BC Hanseat wertvolle 30 Minuten ihrer Spielzeit geschenkt, damit überhaupt Zeit genug für ein sinnvolles Box-Training ist.

Sogar die Prominenz auf St. Pauli hat den kleinen Verein entdeckt; Jan-Philipp Kalla, Fußballprofi beim FC St. Pauli, Boxerin Susi Kentikian, Heinz Ritsch von „Susis Show Bar“ und Theatermacher Corny Littmann sind mit dabei, werben, helfen, geben Geld. Und Geld brauche man im materialintensiven Boxen immer, erzählt Michael Augustin: Für Handschuhe, Pratzen, Sandsäcke. Jüngst gab es die nächste Erfolgsmeldung. Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter Mitte,  verkündete, dass der Bezirk die kleine Halle gekauft und das Gespenst eines Abrisses und Neubaus von Wohnungen verscheucht habe. Der BC Hanseat behält sein Zuhause.

Zum Teil nehmen die Boxer hier weite Wege durch ganz Hamburg und weiter auf sich – Pinneberg, Bad Segeberg. Die Sprache? Trainer Ismail kommt aus Bagdad und lebt seit 1979 in Deutschland. Er sagt: „Ich spreche Kurdisch, Arabisch und Persisch. Aber hier ist die Sprache Deutsch. Die kurzen Kommandos verstehen selbst die, die kaum ein Wort Deutsch kennen.“ Tanzen, siehe oben, ist übrigens eine Form des Sparrings.

Sprachlich viel weiter ist der 22 Jahre alte Syrer Bashir Al Youssef. Er ist vor einem guten Jahr über die Türkei aus Damaskus geflohen, lebt seit acht Monaten in Hamburg. Er hat schon in Frankfurt in einem Restaurant gearbeitet und in Lütjenburg gelebt. „Ich würde gern hier in Hamburg bleiben“, sagt er. Was ihm an Deutschland gefalle, formuliert er in gefälligem Deutsch: „Es gibt Gesetze, an die sich alle halten müssen. Es ist gut, dass die Universitäten kostenlos sind. Und in Deutschland können alle Menschen etwas erreichen.“ Welchen Rat er anderen Geflüchteten geben würde? „Dass sie schnell Deutsch lernen.“ Bashir hat zwei Träume: Er möchte Hamburger Meister im Halb-Mittelgewicht werden. Und er will Architektur studieren. Teil eins hat nicht geklappt – er schied Anfang Oktober bei den Meisterschaften früh aus. Macht nichts. „Er ist ungeduldig und hungrig“, sagt sein Trainer, „es wird seinen Weg gehen.“

Hussein Ismail möchte das Angebot erweitern. Er hat große Pläne und kennt viele Geschichten. Er wird als Übersetzer vom Bundesamt für Migration gebucht. Jeden Tag sieben Anhörungen. „Aber ich kenne nicht jede Fluchtgeschichte meiner Leute hier. Das muss auch nicht sein. Sie sind froh, dass sie hier boxen dürfen. Das Vertrauen untereinander ist groß, es läuft reibungslos“, sagt der Trainer, der nur gern mehr Hallenzeiten hätte: „Die Nachfrage aus den Unterkünften ist so groß, dass wir sie nicht befriedigen können.“

Gern hätte er mehr Frauen und noch mehr junge Boxer, denn traditionell ist der BC Hanseat erfolgreich im Frauenboxen. „Wir wollen die Hemmschwelle für Frauen senken und die Nachwuchsarbeit intensivieren“, sagt Ismail. Aber auch ältere Talente, welche, die er mit einem Kampfpass ausstatten kann, sucht der erfahrene Trainer, der einst in Göttingen seinen Trainerschein machte. Wie jeder Coach ist nämlich auch Ismail ehrgeizig. Viele seiner Schützlinge haben ja schon in ihrer Heimat geboxt. Andere sind Anfänger, die meisten erst zwischen zwölf und 17 Jahren alt. Macht auch nichts. „Ich sehe, wie gerne sie alle herkommen. Sie sind pünktlich und enttäuscht, wenn das Training vorbei ist“, sagt er.

Doch es geht ihm nicht zuvorderst um Erfolge im Ringgeviert. Es ist eine Lebensschule für die vielen jungen Männer mit großer Energie. Ismail hält auch den Kontakt zu den Betreuern in den Unterkünften. Er sagt mit einem Lächeln: „Das Feedback aus den Einrichtungen ist gut. Die Jungs steigen um 22 Uhr ins Bett. Ich kriege sie müde.“

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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