Goldbekhaus

Alexandra Lüken (li.) und Doris Leon von der Winterhuder „Stadtteilinstitution“ – dem Goldbekhaus

Gekommen, um zu bleiben

Im Goldbekhaus begreift man die sportliche und kulturelle Arbeit mit geflüchteten Menschen als Gewinn – für beide Seiten

Draußen, an der „Fairteilstelle“, stehen zwei gefüllte Kühlschränke und eine Plastikablage mit fünf Köpfen Eisbergsalat. Eine „foodsharing“-Station mitten in Winterhude. „Jeder darf  sich hier bedienen. Guten Appetit!“, ist auf ein Schild geschrieben. Auf dem Gelände des Goldbekhauses hilft man gern und ohne viele Worte. Das gilt nicht nur für Lebensmittel. Denn das Goldbekhaus ist eine Stadtteilinstitution. Alex Lüken aus der Vereinsverwaltung sagt: „Wir haben hier im Goldbekhaus eine bunte Mischung an Angeboten – nicht nur Sport.“ Unter den Mitgliedsvereinen des HSB nehmen die Goldbekhäusler eine besondere Rolle ein, denn ihr Angebot ist eine Mischung  aus Sport, Kunst,  Kultur und Nachbarschaftshilfe. Hier wird qualifizierte Arbeit mit Asylsuchenden und Menschen im Stadtteil gemacht. Seit März arbeitet Lüken zudem mit der Botschafterin des Sports Doris Leon zusammen, seit Juni darf sich das Goldbekhaus auch Stützpunktverein nennen.

Die Sport- und Bewegungsarten sind vielfältig – und auch durch die Nähe zum Kanal nur einen Steinwurf vom Goldbekhaus entfernt bestimmt: Stand-up-Paddling für Kinder und Jugendliche sowie auch für junge Erwachsene mit und ohne Behinderungen, dazu Badminton in der Sporthalle der Sophienschule in der Elsastraße, ein Kurs namens „Gemeinsam spielen, gemeinsam essen“ für Eltern mit Kindern bis zehn Jahren. Tanzen für Frauen. Stadteilspaziergänge. Stetig wird das Angebot an den Bedarf angepasst und erweitert.

Das gut situierte Winterhude hat einen sehr geringen Migrationshintergrund. Es gab hier schnell viele gute Ideen, wie geflüchteten Menschen in der Folgeunterkunft Heinrich-Hertz-Straße zu helfen sein könnte. Das Goldbekhaus hat eine Fülle von Kursen, Projekten, Konzerten und Veranstaltungen im Angebot. Im Unterschied zu den klassischen Klubs, die sich teils jahrelang schon mit Integration durch Sport beschäftigen, geht das Goldbekhaus als Stadtteilzentrum gemeinsam mit der Initiative „Wir im Quartier Winterhude – Gemeinsam mit Geflüchteten“ einen soziokulturellen Weg: „Come in, we are open“, steht auf dem Mäppchen mit vielfältigen Angeboten unter der Überschrift: Geflüchtete mit uns – herzlich willkommen! Dabei sei das Zweifeln ein Stück ihres Weges, sagt Alex Lüken: „Denken wir richtig? Wie kommen wir ran an die Wünsche der Menschen, die hier neu sind? Wir sind noch auf Entdeckungstour. Es sind Suchbewegungen, und ich denke, das ist auch angemessen für so ein großes Projekt.“ Lüken und ihre Mitstreiter sind dankbar für Anregungen, Tipps und Rückmeldungen von Menschen aus dem Viertel – aber auch von den Integrationsprofis beim HSB. Sie empfindet die Angebote des Goldbekhauses als offene Flüchtlingsarbeit, als work in progress.

Dazu gehörten auch die „Welcome Movies“. Man kann das Interesse an der deutschen Sprache nämlich vielfältig wecken. Es sind deutsche Streifen, die wohl jeder Filminteressierte schon gesehen haben dürfte: Etwas von Loriot ist dabei, ein Film, der die deutsche Teilung thematisiert neuere Komödien.  Es sind Filme, deren Titel auf so komplizierte Weise mit der deutschen Sprache spielen, dass es für Sprachanfänger entmutigend ist. Doch Lükens Kollege Adrian Wenck winkt ab: „Bisher konnten unsere Zuschauer den Filmen immer gut folgen.“ Es sind Vorführungen deutscher Erfolgsfilme der vergangenen 30 Jahre. „Welcome Movies“ eben, sie richten sich an Geflüchtete und Anwohner des Viertels. Bis zu 40 Flüchtlinge aus nahen und fernen Unterkünften versammelten sich drinnen vor der „Bühne zum Hof“ und schauten zu. Entschieden wird spontan am Abend. „Die, die gekommen sind, können sagen, was sie sehen wollen“, sagt Wenck. Man komme immer zu einer Einigung, weil der Fundus der kostenfreien Filme auch nicht gerade riesengroß sei. Das wichtigste sei den Flüchtlingen gewesen, dass sie auf Deutsch mit deutschen Untertiteln laufen. „Das war ihr ausdrücklicher Wunsch, weil sie neben dem Hören dann auch mitlesen können“, erklärt Wenck.

Für ihn und die Kollegen im Goldbekhaus ist es das Schönste, dass sich bisher immer Gespräche im Anschluss an die Filme entwickelt haben. Adrian Wenck sagt: „Uns geht es nicht nur um die Filme, sondern um das gemeinsame Schauen und die Möglichkeiten des Austausches und neuer Kontakte.“ Natürlich sei es gewollt, dass die Flüchtlinge, die ganz unterschiedlich gut Deutsch sprechen, ihre Kenntnisse durch die Welt des Kinos vertiefen und erweitern. Hauptansatz der „Welcome Movies“ ist dieser pädagogische Ansatz indes nicht.

Dann schon eher das miteinander, der Austausch. Alex Lüken sagt: „Wir müssen nicht unbedingt neue Mitglieder gewinnen. Unser Ziel ist es eher, dass bestehende Mitglieder geflüchtete Menschen zu den Kursen und Veranstaltungen mitbringen.“ Ihre Gedanken fliegen, wenn sie kommende Ansätze skizziert. Radfahren, schwimmen, das seien  Dinge, die gerade ältere Muslima oft nicht könnten. Dabei sei der Gewinn an Mobilität enorm. Vielleicht wären das die richtigen Kurse für das Goldbekhaus?

Mit interkultureller Öffnung beschäftigt sich das Goldbekhaus seit 35 Jahren. In Sachen interkulturelles Verständnis von Bewegungskultur ist manches hingegen noch Neuland. Allgemein war der Ansatz der Golbekhäusler dabei immer, dass die Türen des Hauses für niemanden verschlossen sein sollten. Inzwischen stellt man sich die Frage, welche unsichtbaren Hemmschwellen es geben könnte.

Um in solchen Fragen weiterzukommen, hilft oft der Blick von außen. Deswegen freuen sich Alex Lüken und ihr Team, in Mazen Saleh aus Damaskus einen neuen Bundesfreiwilligendienstleistenden zu haben. Saleh hat dort am Nationaltheater gearbeitet. Er hat im Oktober hier angefangen und wird das Goldbekhaus für ein Jahr auch bei der Vernetzung des Vereinssportangebots mit Menschen in den Unterkünften unterstützen.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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