Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft

Der Integrationsbeauftragte Vitalij Schmidt (li.) mit Diana Dua, Helmut von Soosten und Yuriy Boriysov von der HNT

„Die Gäste von heute sind die Mitglieder von morgen“

Die HNT ist der größte Verein im Süden Hamburgs. Mit frischen Integrationsangeboten wendet sie sich jetzt verstärkt an Flüchtlinge – zu verdanken ist das auch dem Integrationsbeauftragten Vitalij Schmidt.

Vitalij Schmidt sagt wie selbstverständlich ein paar sehr schöne Dinge während des 90 Minuten langen Gesprächs. Der 24 Jahre alte Sport- und Fitnesskaufmann arbeitet 32 Stunden in der Woche auf der Geschäftsstelle der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft  von 1911, kurz: HNT. Er hat das Thema Integration für sich entdeckt und füllt seine Rolle als Integrationsbeauftragter hier seit Juli 2016 mit Leidenschaft, Augenmaß und vielen Ideen aus. Vitalij Schmidt redet nicht um den heißen Brei. „Ich bin authentisch“, sagt er. Er erzählt eine Geschichte, die exemplarisch für den Vereinssport mit Geflüchteten ist; sie handelt von Pünktlichkeit, besser: von Unpünktlichkeit. „Wir wollten Flüchtlinge am Sammelpunkt in der Unterkunft treffen und danach zum Sport fahren. Zur vereinbarten Zeit um 16.30 Uhr waren zwei da. Ich habe einfach gewartet. Um 16.50 Uhr waren es 20. Das ist vielleicht eine Sache, die wir Deutsche nicht verstehen. Wir sind pünktlich. Sie sind spontan. Wenn ich in den Unterkünften sage: Kommt, wir machen Sport!, dann  holen sie sofort ihre Schuhe.“

Die Anlagen der HNT an der Cuxhavener Straße unweit der S-Bahn-Haltestelle Neuwiedenthal erschließen sich Fremden nicht auf einen Blick. Doch hinter der Geschäftsstelle öffnen sich die Räume. Tennisplätze, Hallen, ein großer Rasenplatz mit Laufbahn und dazu – ganz neu vom Juni – eine Beachanlage und ein kleines Kunstrasenfeld. Der Sportpark Opferberg war Ende August auch der Ort, an den die HNT zum gemeinsamen Sporttreiben einlud. „Wir wollten Flüchtlinge, Menschen mit Migrationshintergrund und unsere Vereinsmitglieder auf unserer Sportanlage zusammenbringen“, sagt Vitalij Schmidt. Dass über 50 Personen kamen und bei schönstem Wetter zusammen mit den Übungsleitern Cenk Akin und Helmut von Soosten Beachvolleyball  und Beachfußball spielten, empfand Schmidt als vollen Erfolg: „Wir sind ja im Juli mit 15 Geflüchteten gestartet, die wir während der ersten drei Termine direkt aus ihrer Unterkunft abgeholt und zur Anlage begleitet haben“, sagt er, „von Termin zu Termin kamen immer mehr Teilnehmer, darunter Menschen mit Migrationshintergrund als auch Mitglieder aus den HNT-Abteilungen.“

Die HNT ist mit 4800 Mitgliedern der größte Klub im Hamburger Süden. Barrieren im Stadtteil abbauen, Teilhabe fördern, das sind zwei zentrale Punkte in den Vorhaben der HNT unter den Vorständen Mark Schepanski, Karen Hacker und Reinhold Stehr. Vitalij Schmidt arbeitet gern hier, er ist auch im Stadtteil zuhause und arbeitet als Honorarkraft in einem Jugendzentrum. „Die Jungs hier kennen mich und fragen mich, wenn sie mich sehen: Hey Vitalij, wann ist mal wieder Mitternachtssport?“‘ So einer ist offenbar der richtige auf dem Posten namens Integration. Vitalij Schmidt stammt aus Omsk in Westsibirien; er kam mit seiner Familie 1995 nach Hamburg. Sein Sport ist der Fußball – und Fußball hat er auch schon mit vielen Flüchtlingen gespielt. Dort wird er respektiert, sagt aber auch: „Es gibt immer mal Streit, und nicht immer verstehe ich, worum es geht. Man muss sie aber auch mal in Ruhe lassen und sie ihre Dinge erledigen lassen.“ Bei der HNT hat er schon früh als Trainer und Assistent mitgeholfen; Arbeit, hat sein Vater stets gepredigt, sei gut und sinnvoll. So ist aus Vitalij Schmidt jemand geworden, der eigenverantwortlich arbeitet und gern Verantwortung übernimmt.

Vor diesem biographischen Hintergrund verständlich, dass er eine klare Vorstellung vom Sport mit Asylsuchenden hat. „Ich finde, man sollte nicht alles bereithalten. Man sollte auch nicht ständig in die Unterkünfte gehen. Ich will sie nicht bespaßen. Wir haben Anlagen – und zwar viele. Sie sollen zu uns kommen. Es ist zwar sehr effektiv, in die Unterkünfte zu gehen, denn man hat sofort Teilnehmer, und darum geht es ja auch – letztlich wollen die Vereine doch auch alle Mitglieder gewinnen. Die Gäste von heute sind die Mitglieder von morgen. Aber wir wollen sie langfristig integrieren. Und dann ist es meiner Meinung nach besser, wenn der erste Impuls von ihnen kommt.“ Mehr sogar: „Im Optimalfall bilden wir Flüchtlinge zu unseren Übungsleitern aus.“ Vitalij Schmidt weiß, dass das eine streitbare These ist, und dass andere Vereine es anders sehen als er. Aber er steht dazu. Dass sein persönliches Engagement groß ist, steht dabei außer Frage. Einem afghanischen Flüchtling, der ziemlich gut spielte, schenkte Schmidt seine ersten Fußballschuhe, ein Paar gute gepflegte Puma Classic, schwarzes Leder, Modell Old School. Damit probiert er es gerade in der zweiten Mannschaft der HNT.

Die HNT tut ohnehin viel für die Geflüchteten in Hausbruch, Fischbek und Neuwiedenthal. Schmidts erfahrener Kollege Gerd-Dieter Wehlitz betreut zusammen mit zwei weiteren ehrenamtlichen Helfern der Initiative „Willkommen in Süderelbe“, Arbeitsgruppe Sport, einen Lauftreff mit Eritreern, Afghanen und einem Somalier. Vier Integrations-Angebote gibt es darüber hinaus inzwischen; immer montags wird im Kraftraum „FitGration“ gemacht, leichtes Krafttraining für Jugendliche ab zwölf Jahre. Dienstags heißt der Kurs Ballsport für Flüchtlinge. Mittwochs lädt Kursleiterin Diana Dua Frauen zum „FemiGration“. Und donnerstags heißt es bei Helmut von Soosten „VolleyGration“. Die Namenwahl der Kurse ist cool und modern, der Flyer zu den Angeboten druckfrisch. Schmidt hat sie noch in der Schublade seines kleinen Büros liegen. Er sagt: „Wir sind noch nicht lange wieder Stützpunktverein. Ich möchte, dass unsere Angebote gut sind und laufen.“ Immer wieder verkleinern sich nämlich Gruppen, weil Flüchtlinge Hamburg verlassen oder von der Erstaufnahme in die Folgeunterkunft wechseln.

In der kurzen Zeit seiner Tätigkeit hat er schon reichlich Erfahrungen gesammelt. In den Sportgruppen und auch in den Unterkünften gebe es Führungspersönlichkeiten, die Einfluss auf die Gruppe hätten. Sie muss er kennenlernen, den Kontakt aufbauen, denn sie vermitteln weiter, sorgen über Mundpropaganda dafür, dass auch andere das Angebot der HNT kennenlernen. Ihm ist dabei auch wichtig, die Dinge zu kanalisieren: „Sie sollen nicht mit 20 Mann zum Angebot kommen, und der Übungsleiter versteht kein Wort von dem, was sie sagen. Wir müssen das alles planen können und verteilen“, sagt Schmidt. Aus seiner Sicht ist Sport wichtig, aber nicht das Entscheidende, wenn jemand als Fremder nach Deutschland kommt. „Sprache, Schule und Bildung sind das Wichtigste. Was der Sport neben Bewegung aber kann: Vor und nach dem Sport reden die Flüchtlinge in der Kabine, sie lernen sich kennen. Da erfährt man viel – über Wohnungen, Praktika, Jobs. So etwas ist sehr wichtig“, sagt Vitalij Schmidt. Er muss jetzt auch los – die Arbeit im Jugendzentrum wartet.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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