Kumar Tschana

Eine Aufstiegsstory – vom Ehrenamt in Harburg zum Hauptamt beim HSV

Es ging alles blitzschnell damals 2015 – im März beworben, im Juli angefangen, jetzt sind schon fast zwei Jahre beim großen Hamburger SV vorbei.

Kumar Tschana sagt: „Es ist, als sei ich nie woanders gewesen. Ich hätte mir den Einstieg schwieriger vorgestellt. Ich bin angekommen. Die Aufgaben sind vielfältig und es ist mein Traumjob.“

Aus dem Abiturienten des Jahrgangs 2006 am Lessing-Gymnasium in Harburg ist der Leiter Amateursport beim HSV geworden – eine „kneif-mich-mal“-Geschichte. Aber auch eine Aufstiegsstory, die davon handelt, was aus der täglichen Arbeit im Ehrenamt eines Sportvereins so alles werden kann. „Der frühere Geschäftsführer Karsten Bode hat mich bei der HNT für das Ehrenamt begeistert“, sagt Kumar Tschana, geboren 1985 in Mainz als Sohn afghanischer Flüchtlinge hinduistischen Glaubens, „ich habe geholfen, Veranstaltungen zu organisieren, habe selbst Basketball gespielt, als Trainer gearbeitet, meine B-Lizenz gemacht, im Kampfgericht mitgemacht und später Projekte in der Integrationsarbeit betreut.“ Ein alter Vereins-Hase mit 31 Jahren? Irgendwie schon. Er sagt schmunzelnd: „Ich habe seit mehr als zehn Jahren jeden Montagabend eine Gremiensitzung.“

Die Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT) war seine Schule fürs Leben. „Es dauert seine Zeit, aber wenn man sich interessiert und Einsatz zeigt, kann man seinen Weg gehen“, sagt Kumar Tschana. Seine Mutter hat oft gefragt, ob er mit dieser merkwürdigen Arbeit, die sie nicht richtig verstand, denn Geld verdienen könne. Kann er.

Wobei es ihm um anderes als finanzielle Sicherheit geht. Kumar Tschana will anpacken, gestalten. „Organisation hat mir schon immer gelegen“, sagt er. Es gab eine klassische Initial-Zündung. „Ich habe unseren Geschäftsführer Karsten Bode am Schreibtisch gesehen und gesagt: das möchte ich auch mal machen“, erzählt Tschana. Da war er sechzehn Jahre alt. Mitmachen, etwas bewegen, das ist ihm zur Selbstverständlichkeit geworden.

In seinen 15 Jahren bei der HNT in Neuwiedenthal packte Kumar Tschana auch als Jugendwart und stellvertretender Geschäftsführer an. Alles war vertraut und bekannt, als er sich vor gut zwei Jahren entschied, den nächsten Schritt zu gehen. Die Bewerbung beim HSV war fast zwangsläufig: „Ich habe schon in HSV-Bettwäsche geschlafen“, sagt er. Anfängliche Zweifel verflogen: „Ich war zufrieden bei der HNT. Das ist mein Heimatverein, ich hatte jede Funktion durchlaufen, mit 16 Jahren angefangen. Beim HSV kann ich die gesammelten Kenntnisse nun in einem noch größeren Umfeld einbringen.“ 15 Jahre HNT stecken in ihm. Die unschätzbaren Erfahrungen helfen beim neuen Arbeitgeber. Der HSV, das heißt für ihn im Alltag: Viele Projekte, viel Gestaltungsmöglichkeit, viel Verantwortung. Kumar Tschana will mit dem HSV etwas bewegen, das merkt man. Beim HSV trauen sie ihm viel zu. Was er hier macht? „Alle Sportarten außer Profifußball“, sagt er lächelnd.

An diesem sonnigen Dienstag steht Kumar Tschana auf dem hintersten Kunstrasenplatz der großen Paul-Hauenschild-Anlage in Norderstedt. Das Willkommens-Team der Geflüchteten trainiert unter der Anleitung von Nadir Haddad, Ekrem Varal und Hamad Bergsade. Seit Herbst 2015 gibt der HSV e.V. Geflüchteten die Möglichkeit, in Norderstedt Fußball zu spielen. Alles ist kostenlos, vieles sind Sachspenden der Profifußballspieler. Die meisten Geflüchteten sind im A-Jugend-Alter. Gern würden sie zweimal oder öfter trainieren, sagt Tschana. Noch fehlen die Kapazitäten. Aber ein wichtiges Ziel ist bereits erreicht. – Selbständigkeit: Sie sollen ab dem Sommer als zehnte Mannschaft des HSV in der untersten Kreisklasse regulär im Spielbetrieb des HFV anfangen.

Er versteht das Fußballtraining, das die drei ausgesuchten Studenten als Honorarkräfte leiten, nicht als Bewegungstherapie. Es ist anspruchsvoll. Und die Lektionen darüber hinaus auch: „Sie haben alle den gleichen Ausgangspunkt und wissen nichts über unser Vereinswesen. Das möchten wir Ihnen näherbringen“, sagt Tschana. Anfangs wunderten sich einige Geflüchtete, dass sie die Bälle holen mussten, die sie weggeschossen hatten. Es gibt durchaus Ansprüche, denn nicht jeder Flüchtling ist ein armer Schlucker. Kumar Tschana findet Begegnung auf Augenhöhe unerlässlich: „Sie sehen sich nicht als Geflüchtete. Sondern als Sportler.“ Dass einige dachten, sie könnten gleich in der Bundesliga einsteigen, quittiert Tschana mit einem Schmunzeln.

Sehr bewusst hat man sich beim HSV entschlossen, mit einem reinen Flüchtlingsteam zu starten. „Das erleichtert das Erlernen der Abläufe. Zudem könnten wir nicht 30 neue Spieler in bestehende Mannschaften integrieren. Mittelfristig ist dann auch ein Übergang einzelner Spieler in andere Mannschaften möglich“, sagt Tschana. Er hofft, bald auch Übungsleiter aus dem Kreis der Geflüchteten zu rekrutieren. 90 Teilnehmer hat es seit Start des Willkommensteams im Oktober 2015 schon gegeben.

Kumar Tschana schaut sich beim HSV in allen Abteilungen um; er will wissen, was läuft. Das sind 30 Sportarten, alle ehrenamtlich geführt. „Es ist natürlich schwer, überall regelmäßig dabei zu sein“, sagt er. Bei neuen Konzepten und Angeboten, aber auch wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt und hakt, ist er der Ansprechpartner. Das sind lange Tage beim HSV, vieles findet durch den ehrenamtlichen Einsatz abends statt.

Einer seiner Schwerpunkte liegt bei der Spitzensportförderung im HSV, ein großes Projekt ist aktuell Beachvolleyball. Die Goldmedaillengewinnerinnen von Rio spielen bekanntlich für den HSV, Laura Ludwig und Kira Walkenhorst. Hamburg ist olympischer Stützpunktort für Beachvolleyball. Daraus könnte man noch viel mehr machen, findet Kumar Tschana: „Das ist ein toller Sport mit viel medialer Aufmerksamkeit.“ Auch die Fußball-„Dritte“ in der Landesliga als höchste Mannschaft des e.V. ist im Spitzensportkonzept. Allein, weil es der HSV ist, steht dieses Team stark im Fokus. Tschana wünscht sich, dass mal ein Spieler der „Dritten“ in die „Zweite“ aufsteigt, also in die Vierte Liga und damit in den Dunstkreis des Profifußballs.

Kumar Tschana ist bewusst, dass der große HSV eine besondere Rolle in der Stadt einnimmt. Vieles lässt sich mit dieser Reichweite stärker bewegen, aber dafür steht der Verein auch immer unter besonderer Beobachtung. Dass der Leiter Amateursport jemand mit viel Bodenhaftung und Erfahrung in einem klassischen Breitenportverein ist, kann da überhaupt nicht schaden. „Die HNT hat mir meinen Weg geebnet“, sagt Kumar Tschana. Im Sommer erwartet seine Frau das erste gemeinsame Kind. Die Familie wird dann von St. Georg wieder zurück in vertraute Gefilde ziehen – nach Marmstorf in den Hamburger Süden.
 

Interview: Frank Heike
Foto: Frank Molter

 

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