Hatice Dogan

„Sport ist eine gemeinsame Sprache, die alle Menschen haben“

Hatice Dogan kümmert sich als Jugendwartin der „Hamburger Ballschule“ seit fünf Jahren um passende Übungsleiter und Sportangebote für Jungen und Mädchen im Nachmittagsunterricht der Schulen. Wie praktisch, dass ihr Schwager einer der Cheftrainer ist.

Es gibt gute Gründe dafür, sich heute ehrenamtlich einzumischen. Und es gab gute Gründe, das früher nicht zu tun, wenn man aus der Türkei stammt. Hatice Dogan überlegt kurz und sagt: „Unsere Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Natürlich kannten sie aus der Türkei auch Sportvereine. Aber hier ging es um etwas anderes. Sie hatten gar keine Zeit, über Sport nachzudenken. Unsere Eltern sind morgens losgegangen, haben hart gearbeitet und sind erschöpft nach Hause gekommen. Dort haben sie sich gefreut, einen Tee zu trinken und sich in ihrer Sprache unterhalten zu können.“

Ihre Erklärung, warum sich aus der ersten Generation der Zuwanderer so wenige Menschen im Ehrenamt bemühen, ist so simpel wie nachvollziehbar. Hatice Dogan sagt dann: „Bei uns ist es anders. Wir haben aber auch die Sorgen früherer Generationen nicht. Unsere Generation mischt mit.“

Zu diesen „Mitmischern“ gehört auch Hatice Dogan, 40 Jahre alt. Als Jugendwartin der „Hamburger Ballschule“ e.V.  kümmert sie sich ehrenamtlich um die Nachwuchs- und Jugendbelange des Vereins. An 22 Hamburger Grundschulen gibt es dank der Arbeit der Ballschule qualifizierte Nachmittagsangebote. „Wir haben überall eine gute Mischung aus Jungen, Mädchen, Migranten und Nichtmigranten“, sagt Vereinsgründer  Marc Ben Halima, der selbst tunesische Wurzeln hat. Die Arbeit seiner Kollegin Hatice Dogan kann er besonders gut beurteilen – denn er ist ihr Schwager. Hatice Dogan ist mit Marc Ben Halimas jüngerem Bruder Mondher verheiratet. Die beiden lachen: „Bei Familientreffen ist aber eher die nächste Geburt ein Thema als die Ballschule“, sagt Hatice Dogan – sie selbst erwartet ihr sechstes Kind.

Ihr fünf Jahre alter Sohn Muslih ist in der altehrwürdigen (und angenehm kühlen) Sporthalle der Forsmannschule auch mit dabei: beim Spiel „Prinzen und Monster“ geht es darum, möglichst viele weiche Bälle auf der gegnerischen Seite zu platzieren. Dort hat sich die andere Mannschaft – alles Mädchen -, kreischend hinter einer gekippten Bank formiert und versucht, die Bälle abzuwehren. Das sieht nach purem Spaß aus. Und hört sich auch so an. Spielerisch-unangeleitet sollen die Angebote sein, so eine der Grundphilosophien des Ballschulprogramms. Kinder lernen hier die Grundfertigkeiten aller Sportspiele.

Es ist ein glühend heißer Nachmittag in Winterhude. Die umliegenden Cafés sind voller Menschen. Für die zehn Kinder, die hier bei Marc Ben Halima mit den Ideen der Ballschule vertraut gemacht werden, vergeht die Zeit wie im Fluge. Nicht spezialisieren, sondern generalisieren will die Ballschule. Werfen und fangen mit Bällen verschiedener Größe, Farbe und Form, Vorformen von Hockey und Tennis, all das wird hier als schulgebundenes Angebot in neun Kursen für zehn bis 14 Kinder ausprobiert.

Hatice Dogan ist Gründungsmitglied der Ballschule, die es in Hamburg seit fünf Jahren gibt und die seit April Stützpunktverein im Programm Integration durch Sport ist– es läuft so gut, dass es mehr Interessenten als Plätze gibt. „Ich finde die Idee der Ballschule ganz toll“, sagt sie, „deshalb bin ich hier. Wir haben bei einem Familientreffen vor Jahren mal drüber gesprochen, Marc hat mich gefragt, und dann habe ich mitgemacht.“ Sie kümmert sich um die Belange der Kinder, sorgt etwa dafür, dass Jungen hier vor allem Trainer zu Gesicht bekommen; im Kindergarten und der Grundschule treffen Jungs ja meistens auf Erzieherinnen und Lehrerinnen. Alle ihre Kinder waren in der Ballschule, und Hatice Dogan schätzt es, dass deren Onkel es ist, der sie hier sportlich begleitet – das hat es auf jeden Fall leichter gemacht, sie zum Sport  zu bringen: „Es ist ein noch besseres Gefühl, wenn es der Onkel ist. Und es macht mir auch Spaß, was er aus den Kursen berichtet“, sagt sie.

Hatice Dogan ist in Hamburg geboren; ihre Eltern sind aus der Nähe Trabzons am Schwarzen Meer zugewandert. In Winterhude und Langenhorn ist sie zur Schule gegangen. Sie sagt: „Wir haben erst durch die Schule erfahren, dass wir Türken sind. Ich wurde als Kind immer gefragt, was schöner sei, Deutschland oder die Türkei. Solche Fragen haben wir uns nicht gestellt. Es ist doch so: wenn einem Kind nicht gesagt würde, du bist dunkelhäutig, dann würde es sich gar nicht als irgendwie anders wahrnehmen.“

Hatice Dogan hat erlebt, wie ihre Freundinnen Hockey und Volleyball spielten und zum Rudern gingen. Doch näher als zu einigen Schnupperstunden in verschiedenen Sportarten ist sie deutschen Vereinen nie gekommen. Erst, als sie selbst Mutter war und dringend ein Schwimmbad suchte, in dem sie als Muslima im geschützten Raum ohne fremde Blicke mit ihrem Baby schwimmen konnte, erlebte sie den Wert solcher Einrichtungen: „Es war ein kleines Becken in Billstedt, nach dem ich lange gesucht habe, und es war toll einfach ein bisschen im Wasser zu plätschern“, sagt sie.

Durch ihre Kinder hat Hatice Dogan nun einen anderen Zugang zum Vereinssport gewonnen. Die Hamburger Ballschule betreut auch Feriencamps für Kinder und leitet Flüchtlingsprojekte. Dort bestaunt Hatice Dogan, wie leicht Kinder zueinander finden: „Marc nimmt bei den Flüchtlingskindern gern seine Tochter mit. Wenn sie los läuft, laufen die anderen Kinder hinterher. Wenn sie einen Ball wirft, weiß das andere Kind, dass es fangen soll, gleichgültig, wie wenig Deutsch es versteht. Kinder haben eine eigene Sprache. Es ist sofort Interaktion da. Sport ist eine gemeinsame Sprache, die alle Menschen haben.“

Fast entschuldigend wendet Hatice Dogan noch ein, dass sie doch eher wenig für den Verein tue, ob sie überhaupt in diese Reihe passe? Aber – was ist wenig? Was ist wenig für eine Frau, die bald zum sechsten Mal Mutter wird? Es ist gewiss viel, was Hatice Dogan für die Hamburger Ballschule leistet. Sie streicht mit der Hand über ihren kugelrunden Bauch und sagt: „Wenn ich könnte, würde ich mich noch mehr mit den Themen der Ballschule auseinandersetzen und noch mehr machen.“
 

Interview: Frank Heike
Foto: Frank Molter

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